Der Zauber des Anfangs…

19. Januar 2008

– oder: warum dieses Blog endet

Ich schaue auf das Archivmenü meines Blogs “Freiheit statt Freibier” und sehe, dass der erste Eintrag im November 2006 war. Damals erschien das gleichnamige Buch, das ich in dem Jahr geschrieben hatte. Das Ziel des Buches ist, den Umgang mit Freier Software und Freien Inhalten als Teil eines selbstbestimmten, nicht nur konsumierenden Lebens zu fördern. Ich wollte dieses Ziel auch durch ein Journal im Internet, ein Blog, fördern, in dem ich Woche für Woche ein wichtiges Ereignis aus diesem Bereich kommentiere. Na ja, immerhin acht Monate habe ich durchgehalten. Im Sommer ging mir jedoch die Lust flöten.

Das Internet ist voll von Blogs, die ein paar Monate geschrieben und dann eingestellt werden. Es fehlt wohl häufig die direkte Rückmeldung, einfach schlicht das Interesse einer Leserschaft. Dass mir die Lust ausging, hat aber noch einen anderen Grund: Ich glaube, dass es an der Zeit ist, die Diskussion über Freie Software und Freie Inhalte aus der theoretischen Diskussion in die praktische Sphäre zu bringen. Die Welt der Theoriebücher und parlamentarischen Kommissionen, in denen die Sätze mit Formulierungen wie “Es wäre wünschenswert, wenn…” beginnen, ist für mich dafür nicht mehr der richtige Ort.

Viele Menschen leben noch in den 1990er-Jahren des Computers. Das Ziel sollte meiner Meinung nach sein, noch vor dem Ende der Jahrhundertwendejahre (das ist in weniger als zwei Jahren) die Realität des digitalen Zeitalters flächendeckend anzuerkennen.

Gestern war ich auf der Release Party für KDE 4.0 an der Hochschule der Medien in Stuttgart. KDE ist eine sehr einfach bedienbare Arbeitsumgebung, die ein kostenloses E-Mail-Programm, Textverarbeitung, Internetbrowser, aber auch Vokabeltrainer, Spiele für Erwachsene und Kinder, einen interaktiven Globus und so weiter bietet. Die Stimmung unter den Teilnehmern des Vortragsprogramms war gut. Das Arbeiten und Leben mit digitalen geistigen Werken wie Linux, KDE oder Freier Musik ist für viele Menschen einfach die normale Realität. Sie können sich gar nicht mehr vorstellen, von den großen kommerziellen Konzernen genervt und abkassiert zu werden. Dies kontrastiert mit dem großen Teil der digitalisierten Menschheit, der alles Nichtkommerzielle für sehr kompliziert und schwierig hält. Wenn nur noch Angst und keine Hoffnung ist, dann ist das ein deprimierender Zustand.

Meines Erachtens muss die digitale Welt in einen spielerischen Zustand eintreten. Der Mensch — auch in seiner digitalen Welt — kann mehr als sich in seinem Angestelltenjob im Großraumbüro über seine digitalen Finanztabellen beugen. Dies muss auch in der Bildung stärker zum Ausdruck kommen.

Eine der wesentlichen Fähigkeiten des Menschen ist seine Kreativität. Wo wird diese Tatsache heute berücksichtigt? Wer jemals gezwungen war, ein Schulungsseminar zu einem Textverarbeitungs- oder E-Mail-Programm zu besuchen, weiß, was ich meine. Ein Affe würde die Teilnahme verweigern, weil das nicht seinem IQ entspricht. Die Tatsache, dass viele Menschen sogar die paar einfachen Befehle nicht begreifen, verweist wohl eher darauf, dass sie es so nicht wollen als dass sie es nicht können. Der menschliche Geist ist keine Schnittstelle!

Jedoch befinden sich die meisten Menschen, was die Digitalisierung ihrer Lebensrealität betrifft, noch in der psychologischen Leugnungsphase. Sehr viele Menschen behaupten, sie möchten sich gar nicht groß auf den Computer und die digitale Welt einlassen. Sie benutzten den Computer eher “wie eine bessere Schreibmaschine”. Ein britischer Journalist hat vergangenes Jahr dazu angemerkt, dass Computersysteme — auch Betriebssysteme wie Linux — einfacher zu bedienen sein müssen. Aber, so schränkte er ein, “kein Computersystem, das benutzerfertig ausgeliefert wird, eignet sich für Benutzer, die eigentlich gar keinen Computer benutzen wollen”. Die “bessere Schreibmaschine” — das liegt schon fast nahe — ist eine Schreibmaschine.

Ich habe immer wieder folgende Situation in der einen oder anderen Weise erlebt. Verfechter der Theorie von der “besseren Schreibmaschine” fragen mich, was sie tun sollen: Sie hätten von einem Freund eine Power-Point-Datei per E-Mail erhalten, mit einem eingebundenen Video, irgendwelchen Verknüpfungen zu irgendwelchen Dateiformaten oder Funktionen, Fotos, animierten digitalen Bildern und was weiß ich, und das “funktioniert alles irgendwie” nicht. Der einzig wirklich sinnvolle Rat ist folgender: Markiere die Datei und betätige die Löschtaste. Die Bedienung eines Gerätes setzt Kenntnisse über dessen Funktionsweise voraus.

Die Digitalisierung der Welt des Menschen hat sich mit einer Tarnkappe eingeschlichen. Unter dem Vorwand, das sei alles billiger Männerkram, eine Mischung aus Ballerspielen, Pornos und virtuellem Stammtisch, hat sich die Digitalisierung an der Aufmerksamkeit der meisten Menschen vorbeigemogelt. Nun ist die Welt weitgehend durchdigitalisiert. Über die Ausgestaltung dieser digitalen Welt, in der nun mal alle Menschen leben müssen, ist aber nie jemand gefragt worden. Das wäre wie wenn die Adeligen vor der französischen Revolution behauptet hätten, das gängige Gesellschaftsmodell hätten sie erfunden, das ließe sich nun auch nicht mehr ändern, schließlich hätte es viel gekostet, ginge technisch gar nicht anders und die Menschen favorisierten halt Feudalismus wegen der Benutzerfreundlichkeit — außerdem hätte der Adel auch noch ein paar Patente drauf.

Deshalb möchte ich kein theoretisches Blog mehr im Internet schreiben: Es ist bei Menschen, die keine Programmierer sind, genug darüber philosophiert worden, was theoretisch wünschenswert wäre. Das ist aufgeschobenes Leben. Das Leben findet aber im Hier und Jetzt statt. Das Leben ist praktisch. Ich möchte mich dieser Praxis zuwenden, der Frage, wie wir in der Praxis mit der Digitalisierung umgehen können. Dazu gehören für mich folgende Kerngedanken:

- Eine Bildung für Kinder und Jugendliche, die ein spielerisches, kreatives, befähigtes Leben auch in der digitalen Welt einfordert und praktisch durchsetzt. Keine Abrichtung von jungen Menschen auf Computerprogramme der gehobenen Verwaltungstätigkeit oder auf impotente Ballerspiele!
- Die Verwendung des Computers bei Erwachsenen, die diesen ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Freiheit und die Kontrolle der eigenen Geschicke ist auch in diesem Bereich ein menschliches Bedürfnis. Dazu gehört auch Wahlfreiheit — nicht in ein System eingesperrt zu sein.
- Möglichst weitgehende Aufhebung des ideologisch erzeugten Mangelgedankens bei digitalen Werken: Produkte des menschlichen Geistes kennen weder Überfluss noch Mangel, keine Grenzen und keine Warenform, sie sind einfach für alle Menschen da, wenn man sie lässt.
- Die bewusste Verwendung von digitalen Geräten, Prozessen, Programmen und Werken. Wer mit dem “ganzen Kram” in künstlerisch-abgehobener Weise nichts zu tun haben will, hat meinen vollen Respekt. Wer alle diese Dinge in vollem Umfang mehr als bereitwillig nutzt, sollte sich mit den Grundlagen seines Tuns auseinandersetzen.
- Förderung des kreativen und spielerischen Tuns beim Menschen. Der Computer bildet mittlerweile das gesamte Spektrum der menschlichen Fähigkeiten und Praktiken ab. In Bezug auf den Computer und digitalisierte Prozesse kann der Mensch passiv konsumieren, oder er kann aktiv tun. Er kann wie ein Rädchen in der Maschine funktionieren, oder er kann aktiv gestalten.

Ich möchte die Förderung dieser Gedanken nun praktisch angehen. Dazu gehören sicher auch theoretische Überlegungen, Texte im Internet und ähnliches. Die Jahrhundertwendejahre sollten aber als eine Zeit des praktischen Aufstiegs einer freien und kreativen digitalen Welt erinnert werden, das ist mein Wunsch.

El Libertador?

15. Juni 2007

Beitrag Nr. 33

Am 6. August 1813 führte der aus der kreolisch-spanischen Mittelschicht stammende, gerade einmal dreißigjährige Simón José Antonio de la Santísima Trinidad Bolívar y Palacios seine Truppen siegreich in die venezolanische Stadt Caracas. Daraufhin wurde die “Zweite Venezolanische Republik” ausgerufen (die erste war 1811 relativ schnell gescheitert), und das Ende der Herrschaft der spanischen Krone in Südamerika begann. Bekannt ist der Truppenführer heute unter dem Namen Simón Bolivar. Für diesen spanischstämmigen Revolutionär, genannt El Libertador, hegt der heutige Regierungschef Venezuelas Hugo Chávez seit frühesten Jahren eine tiefe Bewunderung.

Was Bolivar die spanische Krone und die spanischstämmige Oberschicht war, ist Chavez die Vereinigten Staaten von Amerika und deren unternehmerisches Establishment. Deshalb will der venezolanische Staat nun die “technische Unabhängigkeit” (Independencia Tecnológica de la Nación) erlangen, wozu auch die “Souveränität in der Information” gehört. Seit kurzer Zeit bietet das Konsortium Venezolana de Industria Tecnológica (VIT) mit Sitz in der Freihandelszone von Paraguaná deshalb drei preiswerte Personalcomputer und einen tragbaren Computer an. Das Ende 2005 gegründete Konsortium gehört zu vierzig Prozent der staatlichen venezolanischen Firma Veninsa und zu sechzig Prozent der chinesischen Firma Langchao.

Die Produktion der Computer soll im Lauf der Zeit von 80.000 Geräten auf 150.000 gesteigert werden. Nach Angaben des kritischen Onlinemagazins Telepolis wird ein Großteil der Geräte in den ersten drei Jahren vom Staat gekauft. Im Laufe der Zeit will das Unternehmen auch für den Export Geräte bauen. Die Technik der Geräte entspricht in ungefähr den in der Europäischen Union erhältlichen preiswerteren Rechnermodellen, und der Preis liegt auch in etwa vergleichbar bei umgerechnet etwas über 300 Euro.

Nach Angaben der Unternehmensleitung von VIT stand der “soziale Gedanke” von Anfang an im Vordergrund. Im Umfeld der Firma seien rund hundert Kooperativen entstanden. Die Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China dagegen folgt einem anderen Grundgedanken der venezolanischen Regierung, nämlich unabhängiger von den USA und der EU zu werden. Nach Angaben von Telepolis weisen venezolanische Wirtschaftsvertreter häufig darauf hin, dass die chinesischen Partner — anders als die westlichen Industrieländer — bereit sind, einen Technologietransfer zu gewährleisten. Nach einer vereinbarten Phase der gemeinsamen Geschäftsführung erhält der venezolanische Partner die Patente und das technische Wissen.

Bei den Computerprozessoren ist der “Libertador” des 21. Jahrhunderts allerdings noch auf US-amerikanische Technik angewiesen; sie stammen von der Firma Intel. Beim Betriebssystem heißt es auf der Website von VIT jedoch: “Compatible Sistema linux”. Die Computer werden mit vorinstalliertem Linux ausgeliefert. Welche Distribution dies ist, ist mir nicht bekannt.

Man muss kein Verfechter des von Chavez favorisierten autoritären Staatssozialismus sein, um an diesem Beispiel zu sehen, dass Software nicht ausschließlich eine Frage der einfacheren Bedienbarkeit oder des Geschmacks oder sogar des Preises ist, wie häufig am Stammtisch oder in der Büropause geargwöhnt. Das Handeln des Staates Venezuela offenbart die politische und geostrategische Tragweite von Software. Richard Stallman, der Gründer der Free Software Foundation, wird im Juli 2007 an der Universität von Maracaibo in Venezuela, der größten Universität des Landes, eine Vortragsserie mit dem Titel “El Software Libre” halten.

Mit “bolivarischen” Computern will Hugo Chavez seinem “spanischen König”, den USA, Paroli bieten. Obwohl Simón Bolivar Europa durchreist hatte und die Gedanken der französischen und amerikanischen Revolution kannte, soll er deren soziale Vorstellungen nicht geteilt haben. Er soll sogar erwogen haben, sich zum Kaiser krönen zu lassen. Durch Dekret von oben wird sich die Forderung nach Selbstbestimmung — oder Souveränität — im Bereich Informationen vermutlich doch nicht realisieren lassen. Dazu muss wohl jeder einzelne Mensch beitragen.

Überholen ohne Einzuholen

8. Juni 2007

Beitrag Nr. 32

Der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht glaubte 1959 noch, die DDR würde Westdeutschland bei Lebensmitteln und Konsumgütern “einholen und zum Teil übertreffen”. Als das nicht mehr realistisch erschien, wurde die Parole “Überholen ohne Einzuholen” geprägt. Viele Jahre haben Vertreter von Projekten aus dem Bereich “Freie Software” versucht, die proprietäre Softwarewelt einzuholen und zum Teil zu übertreffen. Das hat Freier Software, die auch ein gesellschaftliches Projekt für mehr Freiheit ist, einen schlechten Ruf als zweite Wahl hinter den wirklich guten, sprich proprietären, Programmen eingebracht.

Einer, der überholen will ohne einzuholen, ist Mark Shuttleworth, der millionenschwere Benefaktor des Gnu-Linux-Projektes “Ubuntu”. In einem am 9. Juni 2007 in der britischen Wirtschaftszeitschrift The Economist veröffentlichten Interview sagt Shuttleworth, dass er mehr will als nur ein preiswertes Betriebssystem schaffen: “Proprietäre Softwareunternehmen werfen der Freien Software vor, dass sie nur kopiere, was bereits zuvor [von anderen] entwickelt worden ist. Freie Software sei nicht innovativ. Ich bin anderer Meinung: Das kollaborative Konzept der Open-Source-Gemeinde ist das beste Modell, das zur Förderung von Innovationen zur Verfügung steht.” Quelloffene Softwareprojekte versuchten in vielen Bereichen gar nicht erst einzuholen, weil sie bereits in Führung seien, unterstrich der aus Südafrika stammende Unternehmer.

Angesichts der Tatsache, dass in vielen Mobiltelefonen, Kameras und Musikspielern zunehmend Linux als Betriebssystem eingebaut wird, erklärte Shuttleworth: “Ich hoffe, dass wir mit der proprietären Welt nicht nur gleichziehen, sondern sogar einen Bocksprung über sie hinweg machen können.” Der Ubuntu-Gründer erklärte, dass Freie Software vor allem da stark sei, wo die einfache und problemlose Handhabung eines Geräts besonders vorteilhaft oder wünschenswert sei.

Dass gerade Freie Software immer besonders einfach zu bedienen ist, würde wohl kaum jemand unterschreiben. Und dennoch: Shuttleworth hat recht. Viele Probleme, die Freie Software bereitet, entstehen an der Schnittstelle zwischen Freier und proprietärer Software. Das berühmteste Beispiel sind die Textdateiformate von Microsoft Office und OpenOffice. Wird Freie Software jedoch in einem Rahmen aus komplett freier Software und mit ausschließlich Freien Lizenzen genutzt, treten praktisch keine Probleme auf. Hier ist die Software und sind die Geräte viel benutzerfreundlicher als alles, was proprietär ist.

Ich habe kürzlich bei einem Freund Kubuntu 7.04 auf dem Rechner installiert. Es lief komplett reibungslos in ein bis zwei Stunden — in seinem eigenen Rahmen ist Linux kaum an Einfachheit und Problemlosigkeit zu übertreffen. Bei der Software der Großkonzerne mit ihren proprietären Lizenzen und Patenten liegt das Problem, nicht bei Linux und den freien Programmen. Wer langfristig gesehen seine Zeit nicht mit Computerproblemen verschwenden will, sollte ganz strikt auf ausschließlich Freie Software setzen.

Scribus 1.3.4 ist da

1. Juni 2007

Beitrag Nr. 31

Früher wurden Zeitungen und Bücher mit Bleilettern gesetzt, das heißt die Seite wurde von einem “Setzer” aus Bleibuchstaben zusammengesetzt. Ein Setzkasten hatte 125 Fächer, war aus Holz, manchmal auch aus Kunststoff oder Metall, und wog als Normalkasten etwa 15 Kilogramm, schreibt Wikipedia. Die Bleilettern wurden irgendwann vom Offsetdruck abgelöst, so dass die Bleisetzer seit den 1950er-Jahren verstärkt zum Fotosatz wechselten. Beim Fotosatz wurde über eine Schablone das zu setzende Zeichen auf einen Film belichtet. Nun, es kam, wie es kommen musste, und heute gibt es fast nur noch den digitalen Satz mit einem Softwareprogramm am Computer.

Die Zeitung, die du liest, ist vermutlich mit dem Programm Quark XPress der Firma Quark, Inc. aus Denver gesetzt worden. Der Werbezettel, den du in der Hand hältst, ist vermutlich mit der Software InDesign der Firma Adobe Systems aus dem kalifornischen San Jose gestaltet worden. Das sind die zwei führenden proprietären Layoutprogramme. Gibt es ein vergleichbares Programm aus der Welt der Freien Software? Ja, das gibt es. Es heißt “Scribus”, und am 30. Mai 2007 ist offiziell die neue Version 1.3.4 mit dem Beinamen “Anton” (nach dem neugeborenen Sohn eines der Entwickler) erschienen.

Das Programm kann für sämtliche Betriebssysteme kostenlos aus dem Internet heruntergeladen werden. Bei den Versionen für Windows und Macintosh muss für den PDF-Export noch zusätzlich das Programm Ghostscript heruntergeladen und installiert werden. Für Opensuse und Fedora Core stehen eigene RPM-Installationsdateien zur Verfügung. Für (K)Ubuntu gibt es eine Installationsbeschreibung. Probier es einfach aus.

Falls du in größerem Umfang mit Scribus arbeiten willst und die gestalteten Seiten auch drucken willst, solltest du jedoch die Version 1.3.3.9 installieren, die als “stabile, benutzbare Version” beschrieben wird. Die nächste offiziell stabile Version von Scribus wird die Version 1.4 sein, an der bereits gearbeitet wird. Wann sie erscheint, ist noch nicht klar. Ich hoffe, Scribus wird mit 1.4 an Stabilität gewinnen, was ich bis jetzt als das größte Problem sehe. Der Artikel in Wikipedia enthält mehr Informationen und weiterführende Internet-Seiten.

Aus einem von Opensuse betreuten Paketarchiv konnte ich die einfach installierbare RPM-Datei von Scribus 1.3.3.9 herunterladen (die Dateien dort sind alphabetisch sortiert) und mit Yast installieren. Das hat gut und einfach geklappt. Ich habe außerdem noch ein Paket des Typs Deb für (K)Ubuntu auf rpmseek.com gefunden. Dieses Paket habe ich allerdings nicht ausprobiert.

Ich habe mit Scribus schon einige Zeitschriften gestaltet und bin damit gut zurecht gekommen. Ich finde es klasse, dass es ein solches Programm als Freie Software gibt. Auch Leute ohne viel Geld — die proprietären Layoutprogramme kosten meist weit über 1.000 Euro — können so kreativ Drucksachen gestalten. Das Programm benötigt allerdings viel Rechenressourcen. Gerade bei einem etwas älteren Computer kann das Speichern, Öffnen oder ein bestimmter Arbeitsschritt lange dauern. Ein Tipp: Sämtliche nicht benötigten anderen Programme schließen, und eine Datei mit vielen Seiten in mehrere Dateien mit jeweils 20 Seiten aufteilen, falls das praktikabel ist.

Wer noch nie mit einem solchen Programm gearbeitet hat, wird etwas Zeit zum Erlernen brauchen. Wer aber mit Microsoft Word Zeitschriften oder Flugblätter gestaltet hat und mit dem Ergebnis unzufrieden war, für den lohnt sich der Aufwand. Für mich ist Scribus der Beweis, dass Freie Software die bessere Software ist. Kleinere Probleme nehme ich gerne in Kauf, weil ich weiß, dass ich dauerhaft auch mit Leuten zusammenarbeiten kann, die nicht Tausende von Euro für Softwarelizenzen ausgeben können oder wollen.

Linux ab Werk

25. Mai 2007

Beitrag Nr. 30

Wer einen Computer in einem Elektronikmarkt im bekannten bräunlichen Pappkarton kauft, zahlt immer zwischen ein und mehreren hundert Euro Lizenzgebühren an Microsoft — je nach beigefügter oder vorinstallierter Windows-Software. Derzeit gibt es so gut wie gar keine Händler, die einen Rechner mit einem kostenlosen und vorinstallierten Linuxsystem verkaufen. Verbraucherschützer haben sich darüber beschwert, Aktivisten der Bewegung für Freie Software haben es gefordert — wenig ist passiert.

Der Computerhändler Dell aus dem texanischen Round Rock hat am 23. Mai 2007 nun allerdings den Bann gebrochen und erste Rechner mit vorinstalliertem Linux ins Programm genommen. Zwei Personalcomputer und ein Notebook werden in den USA mit der Linuxdistribution Ubuntu 7.04 ausgeliefert. Vorangegangen war eine Kundenbefragung im Internet mit dem Namen “Ideastorm”. Ganz oben auf der Liste der Kundenwünsche standen damals Notebooks mit einem Linuxbetriebssystem.

Wesentlich an der Verkaufsaktion des Internethändlers ist, dass die Notebooks und Personalcomputer ab Werk mit Linux harmonieren, also die Hardware garantiert unter Linux funktioniert. Damit geht Dell auf ein Problem ein, das sich jedem Linuxnutzer stellt: manche Geräte, vor allem billige Geräte, funktionieren nicht unter Linux. Für viele Drucker beispielsweise werden nur Treiber für Windows programmiert und mitgeliefert. Ein Treiber ist ein kleines Softwareprogramm, das ein bestimmtes Gerät antreibt. Jedes Gerät braucht seinen eigenen Treiber.

Die Kommentatoren fragen sich nun: Ist das der lang erwartete und immer wieder verschobene Durchbruch von Linux auf dem Massenmarkt? Hinter dieser Frage steht leider so etwas wie das Problem um die Henne und das Ei. Wenn es genügend Linuxnutzer gäbe, müssten die Gerätehersteller auch Treiber für das freie Betriebssystem schreiben und generell darauf achten, dass ihre Hardware mit Linux harmoniert. Die privaten Nutzer würden dann eher auf Linux umsteigen, weil es keine Probleme mehr gäbe. Da aber über neunzig Prozent der privaten Computer mit Windows laufen, brauchen sich die Firmen um Linux nicht zu kümmern. Für sie ist das eine vernachlässigbare “Nische”.

Wie kann Linux aber aus der Nische herauskommen, wenn es so viele Kompatibilitätsprobleme gibt, die ein Mensch mit durchschnittlichen Computerkenntnissen kaum lösen kann? Ein Weg wären spezielle Computerläden für Linux, in denen nur Hardware angeboten wird, die für sämtliche großen Linuxdistributionen getestet wurde. Dies böte auch kleinen Händlern die Möglichkeit einen Fuß auf den Markt zu bekommen, da eine solche Garantie für Linuxnutzer etwas wert ist. Vielleicht würde durch eine solche Garantie die Sparwut der sonst in riesigen Elektronikmärkten Kaufenden etwas gezügelt. Wenn dies die Zahl der Linuxnutzer steigern würde, müssten die Gerätehersteller sich dann auch auf das freie Betriebssystem einstellen. Die Henne bekäme ihre kleinen Küken, die Eierschale bräche auf…

Minenräumer im MP3-Spieler

18. Mai 2007

Beitrag Nr. 29

Kaum etwas hat die populäre Musikszene und das Geschäft mit der Musik so geprägt wie die Erfindung des komprimierten Audioformats MP3 durch das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen und die Bell Labs aus Murray Hill im US-Bundesstaat New Jersey. Die genannten Organisationen und der französische Elektronikkonzern Thomson besitzen zusammen viele Patente auf dieses Format. Die Free Software Foundation aus Boston hat deshalb am 16. Mai 2007 dazu aufgerufen, auf das offene Audioformat “Ogg Vorbis” umzusteigen. Dazu hat die Stiftung eine Kampagne mit dem Namen “PlayOgg.org” gestartet.

Die Free Software Foundation weist daraufhin, dass Musikhändler jedes Mal, wenn sie ein mit MP3 kodiertes Musikstück verkaufen oder verschenken, eine Patentgebühr an die Patenthalter zahlen müssen. Man bracht kaum hinzuzufügen, dass sie diese Gebühr plus den darauf anfallenden Gewinn auf den Käufer abwälzen. Wer also mit seinem sauer verdienten Geld unbedingt Forschungsinstitute und Elektronikkonzerne sponsern will, bitte sehr…

Das müsste nicht sein: Das komprimierte Audioformat “Ogg Vorbis” ist technisch besser als MP3 und ist komplett gemeinfrei. Die technischen Grundlagen sind im Internet verfügbar, und es gibt keinerlei Patentprobleme. Dass Patente selbst für Großkonzerne ein Problem sind, zeigt ein vorläufiges Gerichtsurteil vom 5. Mai 2007. Richter Rudi M. Brewster am US-Bundesbezirksgerichts in San Diego hatte eine Juryentscheidung bestätigt, nachdem Microsoft Schadensersatz von 1,52 Milliarden US-Dollar zahlen muss, weil der Konzern mit der Integration eines MP3-Codecs in seinen “Windows Media Player” Patente des Unternehmens Alcatel-Lucent für das Audioformat verletzt habe. Die Patente stammen von den Bell Labs, die der Pariser Konzern Alcatel-Lucent durch den Kauf des US-amerikanischen Unternehmens Lucent im vergangenen Jahr erhalten hat.

Der Geschäftsführer der Free Software Foundation Peter Brown meinte dazu: “Ogg [Vorbis] ist die sicherste Lösung, wenn man im Falle von komprimierten Audiodateien das Risiko einer Patentklage ausschließen will… Das kürzlich ergangene vorläufige Urteil gegen Microsoft über 1,5 Milliarden US-Dollar unterstreicht die in Bezug auf Softwarepatente häufig verwendete Metapher vom ‘Minenfeld’… Die einzig praktikable Lösung besteht derzeit darin, auf Ogg [Vorbis] umzusteigen und sich für die Abschaffung von Softwarepatenten einzusetzen.”

Und der Hacker-Guru Richard Stallman, Präsident der Free Software Foundation, ergänzte: “Auch normale Anwender können verklagt werden. Dies kann entweder geschehen, um dadurch einen Softwareentwickler anzugreifen oder weil man dem Anwender selbst Geld abknöpfen will oder einfach weil jemand Chaos stiften will. Sowohl Softwareentwickler als auch Anwender sind durch Klagen gefährdet.”

Auf der Website der Kampagne “Play Ogg” gibt die Bostoner Stiftung Tipps zum Umgang mit dem offenen und freien Audioformat (leider nur auf Englisch). Dort kann auch der Medienspieler VLC für Windows und Apple Mac heruntergeladen werden, der das Format unterstützt. Mittlerweile unterstützen auch einige tragbare und stationäre Spielgeräte das Format Ogg Vorbis. Viele der tragbaren Geräte der beiden südkoreanischen Unternehmen Cowon (der Multimedia Player) und Iriver (der MultiFunction Player) unterstützen beispielsweise das Ogg-Format. Diese Geräte werden in Europa auch in großen Elektronikmärkten verkauft.

Im Grunde genommen fehlt es wie im Falle der proprietären Formate von Microsoft Office nur an genügend Leuten, die umsteigen. Ein Linuxsystem kann übrigens von vornherein Ogg-Dateien abspielen, CDs auf Ogg umkodieren und vieles mehr. Das ist es, was Freie Software frei macht: Es ist alles soviel unproblematischer. Ich würde auf Ogg Vorbis umsteigen und Freunde und Bekannte ebenfalls dazu animieren. Wenn sich das Format als Standard durchsetzt, sind alle zufrieden — ja… außer ein paar Patenthaltern…

“Ich bin Energiesparer”

4. Mai 2007

Beitrag Nr. 27

In den 1980er-Jahren hatte ich einen scheußlich gelb-rot-schwarzen Aufkleber “Ich bin Energiesparer” auf meiner Heizung kleben. Der Aufkleber war Teil einer Kampagne der Bundesregierung zum nachhaltigen Umgang mit Energie — natürlich nannte man das damals noch nicht so. Diese staatliche Kampagne dürfte eher kontraproduktiv gewesen sein, da sie dem sparsamen Umgang mit Energie etwas vom Obrigkeitsstaat Verordnetes verlieh. Der Aufkleber hat mich auch nie daran gehindert, im Winter in meinem Jugendzimmer stets das Fenster gekippt zu lassen…

Seit ich meine Stromrechnungen selbst bezahlen muss, sehe ich das mit der Energie etwas anders. Und auch Computer verbrauchen Strom. Der Informationsdienst Heise Online meldete am 3. Mai 2007 unter Berufung auf Dailytech.com, dass der Computerchip-Hersteller AMD aus Sunnyvale in Kalifornien in seinen neuen Doppelkernprozessoren der gängigen Marke “Athlon 64 X2″ eine Stromsparversion mit 45 Watt Leistung anbieten will. Möglich wird dieser gesenkte Verbrauch durch eine von 90 Nanometer auf 65 Nanometer verringerte Strukturbreite der Chips (der 90er-Sockel trägt den Markennamen “Windsor”, der 65er-Sockel ist als “Brisbane” bekannt).

Die Watt-Angaben eines Prozessors beziehen sich auf die so genannte Thermal Design Power, kurz TDP, auf Deutsch häufig auch als maximal mögliche Verlustleistung bezeichnet. Die Leistung (also auch der ungefähre Verbrauch) von 45 Watt fällt allerdings nur unter Maximallast an. Trotzdem lohnt es sich beim Kauf oder Betrieb eines Standard-Computers — genau wie bei anderen Geräten auch — auf den Stromverbrauch zu achten. Zum Vergleich: Der relativ gängige Prozessor “Athlon 64 X2 3800+” verbraucht in seiner normalen Version 89 Watt, also das Doppelte der neuen stromsparenden Brisbane-Chips. Die durch den Zusatz “EE” gekennzeichnete Stromsparversion des Windsor-Chips kommt immerhin mit nur 65 Watt aus.

Eine kurze Recherche bei Händlern im Internet ergab, dass der preisliche Unterschied zwischen den zwei Windsor-Versionen (normal bzw. mit Zusatz “EE”) nur rund zehn Euro beträgt. Würde man den Computer mit der normalen Version jeden Tag unter Volllast zwölf Stunden laufen lassen, würde der Rechner rund eine Kilowattstunde pro Tag verbrauchen. Ich bezahle dafür derzeit über 0,15 Euro. Hört sich nach nicht viel an, sind aber im Jahr immerhin rund 55 Euro. Die Einsparung zwischen der Windsor-Normalversion und der vergleichbaren Brisbane-Stromsparversion beträgt rund die Hälfte, also etwas über 27 Euro im Jahr. Bei der Windsor-Version “EE” spart man immerhin noch fast 14 Euro jährlich. Da der Computer selten zwölf Stunden pro Tag unter Vollast läuft, ist es natürlich jeweils weniger. Aber über die Jahre gesehen kommt schon was zusammen.

Diese ganze Rechnerei kann leicht ins Kleinkarierte abdriften. Aber man muss sich ja nicht endlos damit befassen. Bei AMD sind derzeit die Stromsparversionen für Standardchips mit “EE” gekennzeichnet, bei Intel steht ein “T” für eine Leistung zwischen 25 und 55 Watt. Ein “L” kennzeichnet sehr sparsame Chips mit 15 bis 25 Watt (meist in Laptops). Am Besten erkundigt man sich, wenn man sich einen Computer besorgt, einfach nach dem eingebauten Chip. Als Faustregel kann man sich merken, dass unter 50 Watt für einen Personalcomputerprozessor wenig sind. 100 Watt sind dagegen recht viel. Und weniger ist hier mehr.

Mit einem Klick im Gefängnis

27. April 2007

Beitrag Nr. 26

“Alles kontrolliert! Jeder kontrolliert jeden! Das ist doch nur noch Schwachsinn! […] Warum seid ihr denn alle Polizisten?”, brüllte der deutsche Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann 1973 frustriert in ein Tonbandmikrofon. Diese Tonbandmitschnitte wurden in den vergangenen Jahren in einem begeistert aufgenommenen Hörbuch und einem Dokumentarfilm verwendet. Die Frage selbst hat nicht allzuviel an Aktualität verloren. Am 25. April hat sich das EU-Parlament in Straßburg in erster Lesung für eine Richtlinie ausgesprochen, mit der Urheberrechtsverletzungen zukünftig strafrechtlich verfolgt werden sollen. Die IPRED2 genannte Richtlinie soll bei Verstößen gegen das Urheberrechtsgesetz eine Bestrafung der Täter ermöglichen, außer der Verstoß wurde im persönlichen und im nicht auf Gewinn abzielenden Bereich begangen. Geld- und Gefängnisstrafen sind vorgesehen.

Kritisiert wurde von Vertretern der Bewegungen für Freie Software und Freie Inhalte vor allem, dass die Rechtsvorschrift viel zu schwammig formuliert sei. Die hierdurch entstehende Rechtsunsicherheit würde “fatale Konsequenzen für die Internetkultur in Europa” haben, sagte Julian Finn, Urheberrechtsexperte des Netzwerkes Freies Wissen. Und Ciaran O’Riordan von der Free Software Foundation Europe meinte, man habe auf “eine stärkere Einschränkung bei den Tatbeständen Beihilfe und Anstiftung gehofft”. Durch die Richtlinie könnten nun Dritte, vor allem Diensteanbieter, in die Verantwortung genommen werden.

Wie so etwas funktioniert, konnte bei der ersten Lesung des “Gesetzesentwurfs zur besseren zivilrechtlichen Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte” im Deutschen Bundestag am 27. April gesehen werden. Das Gesetz soll zur Umsetzung der für den zivilrechtlichen Bereich geltenden EU-Richtlinie IPRED1 in deutsches Recht dienen. Angeblich richtet sich das Gesetz gegen Produktpiraterie. Bürgerrechtler und Verbraucherschützer kritisieren jedoch, dass das Gesetz vor allem private Nutzer ins Visier nehme.

Vorgesehen ist, dass die Medienindustrie gegenüber einem an einem Urheberrechtsverstoß unbeteiligten Dritten, beispielsweise einem Internet-Zugangsanbieter, einen Anspruch auf Auskunft erhält. Strittig ist vor allem, ob ein Diensteanbieter den Namen und die Anschrift eines Nutzers, der gegen das Urheberrecht verstoßen hat, ohne richterliche Prüfung herausgeben muss. Die Argumentation der Bundesregierung, dass das Fernmeldegeheimnis betroffen sei, wenn Name und Anschrift eines Nutzers einer ermittelten Internetkennung zugeordnet würden, wies der CSU-Abgeordnete Norbert Geis als falsch zurück. Dieser Vorgang sei lediglich wie die Zuordnung einer Telefonnummer zum Teilnehmer, wozu auch kein Richter bemüht werden müsste. Und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP meinte, das Internet dürfe “keine Blackbox sein, die durch unangreifbare Anonymität zu einem Paradies für Rechtsverletzer wird”.

Das Gegenteil der von Leutheusser-Schnarrenberger angeführten “Blackbox” ist wohl der gläserne Mensch oder das Panoptikum des britischen Philosophen Jeremy Bentham, der Traum von einem “perfekten Gefängnis” mit Totalbeobachtung. Die technischen Möglichkeiten zur Überwachung des Menschen sollen offensichtlich auch im Internet immer mehr genutzt werden. Durch die immer stärkere Verfolgung von Tatbeständen wie “Beihilfe” und die stetig zunehmenden “Auskunftsansprüche” werden immer mehr Menschen und Organisationen in ein immer dichter werdendes Spitzelsystem einbezogen. “Um mich selbst zu schützen, muss ich die anderen überwachen, um im Zweifelsfall den Kopf aus der Schlinge ziehen zu können”, dieser Gedanke wird den Menschen eingeimpft. Für mich tatsächlich “nur noch Schwachsinn”.

Zurück zum Papyrus

20. April 2007

Beitrag Nr. 25

Manchmal ist der Fortschritt eben doch ein Rückschritt. Die deutsche Bundesregierung sei dabei, ohne Not kommerziellen Verlagen ein weitgehendes Monopol für die elektronische Dokumentenlieferung im Bereich der Wissenschaft zuzugestehen, kritisierten heute zahlreiche Professoren aus dem Aktionsbündnis “Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft” in Briefen an Ministerien und Abgeordnete. Die geplanten neuen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes sähen vor, dass elektronische Bestände einer Bibliothek nur in deren Räumen genutzt werden dürften. Trotz flächendeckender technischer Daten-Infrastruktur müssten die Menschen dann zu den Informationen gehen, statt dass diese zu ihnen kämen.

Dass Bibliotheken nach den gesetzgeberischen Plänen keine elektronischen Dokumente versenden dürften, falls ein kommerzieller Anbieter das gleiche Produkt auf dem Markt anbiete, bezeichneten die Wissenschaftler als “skandalös”. Sogar verwaiste oder vergriffene Werke, deren Urheber also nicht mehr ausgemacht werden können oder die die Verlage nicht mehr neu auflegen, dürften die Bibliotheken nach den Plänen der Bundesregierung nicht mehr digitalisieren und elektronisch versenden.

Bereits im Juli 2004 hatte das Bündnis aus 6 Wissenschaftsorganisationen, 328 Universitäten, Bibliotheken und Forschungsinstituten sowie über 5600 persönlichen Unterzeichnern Folgendes festgestellt: “Freier Zugang zu Information und Wissen muss nicht vergütungsfrei bedeuten. Es gilt, im Urheberrecht faire und ausgewogene Bedingungen gesetzlich so zu regeln, dass die Nutzung von geschützten Werken angemessen vergütet, aber gleichzeitig deren Zugänglichkeit für Zwecke der Bildung und Wissenschaft nicht behindert wird. Technische Schutzmaßnahmen, die Information aus Gründen der kommerziellen Gewinnmaximierung verknappen, zu tiefgreifenden Kontrollen bis in die Privatsphäre führen und eine sichere Langzeitarchivierung unmöglich machen, sind daher der falsche Weg.”

Würden die Bibliotheken faktisch aus der Verbreitung von elektronischen Dokumenten ausgeschlossen, so die Professoren heute, bestehe die Gefahr, dass Wissenschaftler auf die Nutzung wichtiger Texte verzichteten. Denn vielfach könnten es sich Forscher finanziell einfach nicht leisten, solche Dokumente über den Markt “mit den kommerziellen Hochpreisangeboten der internationalen Verlagswirtschaft” einzukaufen.

Hintergrund des Vorstoßes der Professoren ist die geplante weitere Novellierung des Urheberrechtsgesetzes, der so genannte zweite Korb der Urheberrechtsreform. Genau wie beim bereits verabschiedeten ersten Korb der Reform, durch den das Verbot der Umgehung von Kopiersperren gesetzlich festgeschrieben wurde, wird auch dieses Gesetzesvorhaben von den großen Rechteverwertungsunternehmen in die Feder der Bundesjustizministerin diktiert. Die großen internationalen Verlage haben Angst, ihre Profitspanne im Bereich der Wissenschaft von teilweise über 30 Prozent zu verlieren. Trotz Datenleitungen überall und einem Computer in jedem Raum wird es also an Universitäten bald wieder heißen “zurück ins Mittelalter”, als die unvorstellbar teuren Bücher noch am Regal festgekettet waren. Oder die Wissenschaft bedient sich wieder handgeschriebener Papyrusrollen — bei Unikaten ist vielleicht eine noch bessere Gewinnspanne drin.

Microsofts Lob der “Unabhängigkeit”

13. April 2007

Beitrag Nr. 24

Über Ostern war ich in Großbritannien, wo ich an Ostermontag in der Tageszeitung Daily Telegraph einen kurzen Beitrag über Microsofts “Guerillamarketing” gelesen habe. In seiner Wirtschaftskolumne berichtet der Journalist Simon Goodley über eine E-Mail des Konzerns aus dem Jahre 1997, die im Rahmen eines Kartellverfahrens im US-Bundesstaat Iowa als Beweismittel vorgelegt wurde. Der Verfasser dieser Mitteilung befleißigte sich bereits vor zehn Jahren eines mittlerweile in der Geschäftswelt recht unverblümt zur Schau getragenen Zynismus.

“Beim Guerillamarketing muss man häufig hart ranklotzen”, informiert uns ein ungenannter Angestellter, der mittlerweile nicht mehr bei Microsoft arbeitet. Bei der Bewerbung neuer Microsoftprodukte sollten die Mitarbeiter vor allem “hinter den Kulissen ‘unabhängiges’ Lob orchestrieren”. Dazu sei insbesondere die Veröffentlichung “von ‘unabhängigen’ Analystenberichten” geeignet. — Die Anführungsstriche um “unabhängig” stammen aus der Original-Mail.

Für den Einsatz so genannter “Experten” würden sich besonders Diskussionsrunden empfehlen. Besonders fügsame Diskussionsleiter fänden sich unter den Reihen der Finanzanalysten und Wirtschaftsberater. Analysten verkauften sich an jeden, das sei “nun mal deren Geschäftsmodell”, so die E-Mail. Da die Analysten aber immer anders erscheinen wollten, als sie in Wirklichkeit seien, sei es schwer mit diesen Leuten zu arbeiten. Besser geeignet sei daher der Kreis der Wirtschaftsberater.

Man solle sich frühzeitig der Dienste eines solchen Beraters versichern, ihn jedoch daran hindern, sich allzu offensichtlich für Microsoft auszusprechen. Dann solle sich dieser Berater selbst als Leiter einer Diskussionsrunde vorschlagen. “Da er sehr bekannt, aber scheinbar unabhängig ist, wird er genommen werden.” Diesmal sind keine Anführungsstriche um “unabhängig”.

Microsoft reagierte auf eine Anfrage Simon Goodleys mit dem Hinweis, dass die E-Mail zehn Jahre alt sei und dass das Unternehmen mittlerweile eine andere Philosophie vertrete: “Wir wollen, dass unabhängige Stimmen gehört werden und dass diese ganz offen ihre Meinung vertreten.” Goodley kommentiert dies nicht ganz unironisch mit dem Ausruf: “Boy these guys are good!”

Im April 1998, also sechs Monate nach dem Versand der oben genannten E-Mail, erschien übrigens das Betriebssystem Windows 98 — bekannt durch seinen blauen Bildschirm, der eine angebliche “Auslastung des Systems” anzeigte und meist einen Neustart erforderlich machte. Vielfach waren die Daten futsch. Das System setzte sich durch und führte das Windows-Monopol zu neuen Höhen. Bei Unternehmen ist Windows seither unangefochten die Nummer Eins. Wer wohl die Firmen in Sachen Software beraten hat? Da wird doch nicht jemand irreguläre Truppen eingesetzt haben…