Der Zauber des Anfangs…
19. Januar 2008– oder: warum dieses Blog endet
Ich schaue auf das Archivmenü meines Blogs “Freiheit statt Freibier” und sehe, dass der erste Eintrag im November 2006 war. Damals erschien das gleichnamige Buch, das ich in dem Jahr geschrieben hatte. Das Ziel des Buches ist, den Umgang mit Freier Software und Freien Inhalten als Teil eines selbstbestimmten, nicht nur konsumierenden Lebens zu fördern. Ich wollte dieses Ziel auch durch ein Journal im Internet, ein Blog, fördern, in dem ich Woche für Woche ein wichtiges Ereignis aus diesem Bereich kommentiere. Na ja, immerhin acht Monate habe ich durchgehalten. Im Sommer ging mir jedoch die Lust flöten.
Das Internet ist voll von Blogs, die ein paar Monate geschrieben und dann eingestellt werden. Es fehlt wohl häufig die direkte Rückmeldung, einfach schlicht das Interesse einer Leserschaft. Dass mir die Lust ausging, hat aber noch einen anderen Grund: Ich glaube, dass es an der Zeit ist, die Diskussion über Freie Software und Freie Inhalte aus der theoretischen Diskussion in die praktische Sphäre zu bringen. Die Welt der Theoriebücher und parlamentarischen Kommissionen, in denen die Sätze mit Formulierungen wie “Es wäre wünschenswert, wenn…” beginnen, ist für mich dafür nicht mehr der richtige Ort.
Viele Menschen leben noch in den 1990er-Jahren des Computers. Das Ziel sollte meiner Meinung nach sein, noch vor dem Ende der Jahrhundertwendejahre (das ist in weniger als zwei Jahren) die Realität des digitalen Zeitalters flächendeckend anzuerkennen.
Gestern war ich auf der Release Party für KDE 4.0 an der Hochschule der Medien in Stuttgart. KDE ist eine sehr einfach bedienbare Arbeitsumgebung, die ein kostenloses E-Mail-Programm, Textverarbeitung, Internetbrowser, aber auch Vokabeltrainer, Spiele für Erwachsene und Kinder, einen interaktiven Globus und so weiter bietet. Die Stimmung unter den Teilnehmern des Vortragsprogramms war gut. Das Arbeiten und Leben mit digitalen geistigen Werken wie Linux, KDE oder Freier Musik ist für viele Menschen einfach die normale Realität. Sie können sich gar nicht mehr vorstellen, von den großen kommerziellen Konzernen genervt und abkassiert zu werden. Dies kontrastiert mit dem großen Teil der digitalisierten Menschheit, der alles Nichtkommerzielle für sehr kompliziert und schwierig hält. Wenn nur noch Angst und keine Hoffnung ist, dann ist das ein deprimierender Zustand.
Meines Erachtens muss die digitale Welt in einen spielerischen Zustand eintreten. Der Mensch — auch in seiner digitalen Welt — kann mehr als sich in seinem Angestelltenjob im Großraumbüro über seine digitalen Finanztabellen beugen. Dies muss auch in der Bildung stärker zum Ausdruck kommen.
Eine der wesentlichen Fähigkeiten des Menschen ist seine Kreativität. Wo wird diese Tatsache heute berücksichtigt? Wer jemals gezwungen war, ein Schulungsseminar zu einem Textverarbeitungs- oder E-Mail-Programm zu besuchen, weiß, was ich meine. Ein Affe würde die Teilnahme verweigern, weil das nicht seinem IQ entspricht. Die Tatsache, dass viele Menschen sogar die paar einfachen Befehle nicht begreifen, verweist wohl eher darauf, dass sie es so nicht wollen als dass sie es nicht können. Der menschliche Geist ist keine Schnittstelle!
Jedoch befinden sich die meisten Menschen, was die Digitalisierung ihrer Lebensrealität betrifft, noch in der psychologischen Leugnungsphase. Sehr viele Menschen behaupten, sie möchten sich gar nicht groß auf den Computer und die digitale Welt einlassen. Sie benutzten den Computer eher “wie eine bessere Schreibmaschine”. Ein britischer Journalist hat vergangenes Jahr dazu angemerkt, dass Computersysteme — auch Betriebssysteme wie Linux — einfacher zu bedienen sein müssen. Aber, so schränkte er ein, “kein Computersystem, das benutzerfertig ausgeliefert wird, eignet sich für Benutzer, die eigentlich gar keinen Computer benutzen wollen”. Die “bessere Schreibmaschine” — das liegt schon fast nahe — ist eine Schreibmaschine.
Ich habe immer wieder folgende Situation in der einen oder anderen Weise erlebt. Verfechter der Theorie von der “besseren Schreibmaschine” fragen mich, was sie tun sollen: Sie hätten von einem Freund eine Power-Point-Datei per E-Mail erhalten, mit einem eingebundenen Video, irgendwelchen Verknüpfungen zu irgendwelchen Dateiformaten oder Funktionen, Fotos, animierten digitalen Bildern und was weiß ich, und das “funktioniert alles irgendwie” nicht. Der einzig wirklich sinnvolle Rat ist folgender: Markiere die Datei und betätige die Löschtaste. Die Bedienung eines Gerätes setzt Kenntnisse über dessen Funktionsweise voraus.
Die Digitalisierung der Welt des Menschen hat sich mit einer Tarnkappe eingeschlichen. Unter dem Vorwand, das sei alles billiger Männerkram, eine Mischung aus Ballerspielen, Pornos und virtuellem Stammtisch, hat sich die Digitalisierung an der Aufmerksamkeit der meisten Menschen vorbeigemogelt. Nun ist die Welt weitgehend durchdigitalisiert. Über die Ausgestaltung dieser digitalen Welt, in der nun mal alle Menschen leben müssen, ist aber nie jemand gefragt worden. Das wäre wie wenn die Adeligen vor der französischen Revolution behauptet hätten, das gängige Gesellschaftsmodell hätten sie erfunden, das ließe sich nun auch nicht mehr ändern, schließlich hätte es viel gekostet, ginge technisch gar nicht anders und die Menschen favorisierten halt Feudalismus wegen der Benutzerfreundlichkeit — außerdem hätte der Adel auch noch ein paar Patente drauf.
Deshalb möchte ich kein theoretisches Blog mehr im Internet schreiben: Es ist bei Menschen, die keine Programmierer sind, genug darüber philosophiert worden, was theoretisch wünschenswert wäre. Das ist aufgeschobenes Leben. Das Leben findet aber im Hier und Jetzt statt. Das Leben ist praktisch. Ich möchte mich dieser Praxis zuwenden, der Frage, wie wir in der Praxis mit der Digitalisierung umgehen können. Dazu gehören für mich folgende Kerngedanken:
- Eine Bildung für Kinder und Jugendliche, die ein spielerisches, kreatives, befähigtes Leben auch in der digitalen Welt einfordert und praktisch durchsetzt. Keine Abrichtung von jungen Menschen auf Computerprogramme der gehobenen Verwaltungstätigkeit oder auf impotente Ballerspiele!
- Die Verwendung des Computers bei Erwachsenen, die diesen ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Freiheit und die Kontrolle der eigenen Geschicke ist auch in diesem Bereich ein menschliches Bedürfnis. Dazu gehört auch Wahlfreiheit — nicht in ein System eingesperrt zu sein.
- Möglichst weitgehende Aufhebung des ideologisch erzeugten Mangelgedankens bei digitalen Werken: Produkte des menschlichen Geistes kennen weder Überfluss noch Mangel, keine Grenzen und keine Warenform, sie sind einfach für alle Menschen da, wenn man sie lässt.
- Die bewusste Verwendung von digitalen Geräten, Prozessen, Programmen und Werken. Wer mit dem “ganzen Kram” in künstlerisch-abgehobener Weise nichts zu tun haben will, hat meinen vollen Respekt. Wer alle diese Dinge in vollem Umfang mehr als bereitwillig nutzt, sollte sich mit den Grundlagen seines Tuns auseinandersetzen.
- Förderung des kreativen und spielerischen Tuns beim Menschen. Der Computer bildet mittlerweile das gesamte Spektrum der menschlichen Fähigkeiten und Praktiken ab. In Bezug auf den Computer und digitalisierte Prozesse kann der Mensch passiv konsumieren, oder er kann aktiv tun. Er kann wie ein Rädchen in der Maschine funktionieren, oder er kann aktiv gestalten.
Ich möchte die Förderung dieser Gedanken nun praktisch angehen. Dazu gehören sicher auch theoretische Überlegungen, Texte im Internet und ähnliches. Die Jahrhundertwendejahre sollten aber als eine Zeit des praktischen Aufstiegs einer freien und kreativen digitalen Welt erinnert werden, das ist mein Wunsch.
