Kreative Einheitsfront
Beitrag Nr. 10
Am 30. Dezember ging der 23. Chaos Communication Congress in Berlin zu Ende. Dieser vom Chaos Computer Club jährlich organisierte Kongress ist ein mehrtägiges Treffen der internationalen Hackerszene zu technischen und gesellschaftspolitischen Themen. Eines der auf der Veranstaltung behandelten gesellschaftlichen Themen scheint mir erwähnenswert. Am letzten Tag hielt Lawrence Lessig, der Gründer der Bewegung “Creative Commons”, eine Rede, in der er aufrief, im “Krieg” um die freie und kreative Verwendung digitaler Technik eine gemeinsame Frontlinie aufrecht zu erhalten. Ein vereintes Vorgehen sei die einzige Möglichkeit, die Kontrollmentalität des 20. Jahrhunderts rund um schöpferische Werke zu beenden. Diese Schlacht müsse innerhalb der nächsten fünf Jahre gewonnen werden, so der Rechtsprofessor an der kalifornischen Universität Stanford. Andernfalls drohe der Rückfall in eine “Read-only”-Gesellschaft, in der nur die großen Film- und Musikunternehmen Inhalte produzierten und die Mediennutzer zum Konsumieren verdammt seien.
Inhalte in maschinenlesbarer Form, also beispielsweise MP3-Dateien oder digitale Fotos, sollten mit klaren Nutzungsrechten markiert werden, so Lessig. Dazu könnten die Lizenzen der Stiftung “Creative Commons” (CC) dienen. Laut Lessig entstünde so eine “Infrastruktur für eine freie Kultur” und eine Alternative zu den Verwertungsmonopolen der Unterhaltungsindustrie. Es werde dadurch ein großer Pool an Medieninhalten geschaffen, die beispielsweise für nicht-kommerzielle Zwecke zum Herunterladen aus dem Internet und zum Verändern und anderswo Verwenden freigegeben seien.
Lessig kündigte außerdem an, dass die Nutzung von CC-Metadaten, also die in einer Datei enthaltenen Daten über die Datei, vereinfacht werden solle. Dadurch könne die auf der “kreativen Allmende” aufsetzende Tauschökonomie besser mit der traditionellen Wirtschaft vernetzt werden. Interessiere sich beispielsweise ein Unternehmen für die kommerzielle Verwendung eines Songs mit einer CC-Lizenz, die nur den privaten Gebrauch erlaubt, könne die Firma sich rasch zu einer Art Marktplatz für den Erwerb der benötigten Rechte durchklicken. Neue und traditionelle Lizenzformen könnten so miteinander verbunden werden. Eine einträglichere Nutzung von Kreativität sei im Internet möglich. Lessig wehrte sich in dem Zusammenhang gegen die von der Free Software Foundation erhobenen Vorwürfe des “Ausverkaufs” seiner Ideale.
Die Frage der Vergütung von kreativen Werken ist tatsächlich heikel. Viele Menschen werden das System der Filmstudios, Plattenlabel und globalen Megaverlage nicht besonders gut finden. Aber dennoch lässt sich eine bestimmte schöpferische Tätigkeit nicht ohne Geld ausführen. Schreibt jemand beispielsweise ein Jahr an einem Buch, so muss er in diesem Jahr von etwas leben. Wenn diese Arbeit nicht irgendwie vergütet würde — und sei es im Nachhinein durch den Verkauf des Buches –, könnten nur Millionärserben Bücher schreiben. Eine Lösung wäre meines Erachtens eine Art verstärktes Mäzenatentum. Ein Autor oder Filmregisseur könnte beispielsweise schlicht in der Zeit, die sie oder er braucht, um etwas zu erstellen, Geld von einer Organisation oder einer Interessengruppe bekommen. Das Produkt könnte dann später gemeinfrei sein.
Dass die neuen und alten Lizenzformen zusammenwachsen, ist für mich genauso klar, wie dass Linux und Microsoft zusammenwachsen werden. Ich finde “Creative Commons” und Linux nach wie vor besser. Aber der Marktplatz “Internet” bleibt ein Marktplatz — und nicht alles eignet sich dazu, auf den Markt geworfen zu werden. Das Leben ist nicht nur ein Markt. Manchmal ist es einfach nur Leben. Kunst würde sicher auch davon profitieren, wenn sie nicht nur als Markt gesehen würde — und diese Gefahr besteht bei den Diskussionen rund um “kreative Allmenden” und neue Lizenzformen.