Zehntausend Davide gegen ein paar Goliathe

Beitrag Nr. 11

In großen Schritten möchte sich die Europäische Union zum “wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt” bis 2010 entwickeln. Nun ja. In dem Zusammenhang hat sie eine Studie über die wirtschaftlichen Auswirkungen quelloffener Software in Auftrag gegeben, die jetzt vorgestellt wurde. Deren Ergebnisse sind allerdings interessant.

Zwei Drittel aller Freien und quelloffenen Software wird der Studie zufolge immer noch von einzelnen Personen, nicht von Unternehmen, entwickelt. Würde man heute die gesamte existierende hochqualitative quelloffene Software von Unternehmen entwickeln lassen, würde das rund 12 Milliarden Euro kosten. Um den Bestand an quelloffener Software in einem Jahr zu entwickeln, müssten über 130.000 Programmierer ein Jahr in Vollzeit arbeiten. Die Studie errechnete außerdem, dass pro Jahr in Europa durch die meist unbezahlte Entwicklungstätigkeit der Hacker fast 400 Millionen Euro der Wirtschaft beim Umsatz verloren gehen — und dadurch natürlich auch der entsprechende Anteil in der Steuerkasse.

Die Studie äußert sich auch zur proprietären Softwareentwicklung: Weit unter 10 Prozent der in den Vereinigten Staaten tätigen Programmierer arbeiteten für Softwareunternehmen, die ausschließlich proprietäre Software herstellten und vermarkteten. über 70 Prozent arbeiteten dagegen bei Firmen, die mit Software arbeiteten, um damit ein anderes Produkt herzustellen oder eine andere Dienstleistung bereitzustellen.

Die Studie ist von der EU in Auftrag gegeben und beschäftigt sich deshalb, naturgemäß, mit den wirtschaftlichen Wachstumschancen im Bereich Software. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit zeigen aber auch etwas anderes: Es ist möglich, neben einem auf Geld gründenden Monopolmarkt auch ein funktionierendes System des Tausches zu etablieren. Einige wenige zehntausend Menschen weltweit können in der Softwareentwicklung ein System etablieren, das den fast schon übermächtig erscheinenden Monopol-Unternehmen die Stirn bieten kann und eher auf Gegenseitigkeit basiert. Die Trennung zwischen den zwei Systemen bröckelt mittlerweile, was die Studie auch fordert. Auch lässt sich ein solches Tauschsystem natürlich nicht so leicht auf den Tausch mit materiellen Gütern ausdehnen. Ausgetauscht werden bei Freier Software ja nur digitale Daten.

Irgendwie ist es aber auch schade, dass die alte Welt der langhaarigen Hacker zu Ende geht. Zunehmend wird aber klar, dass gerade in der Europäischen Union die Leute an den Schaltstellen der Macht keine Lust mehr auf Microsofts Monopol und Software mit Geheimquellcode haben. Wenn Silicon Valley sich den größten Teil des Kuchens abschneidet, bleibt ja für die EU auch nichts mehr übrig. Nicht umsonst erwähnt die EU-Studie, dass die meisten Entwickler Freier Software in den USA an der Ostküste leben.

Wird nach der vollständigen Integration Freier Software in den Markt noch etwas von dem Hauch des rebellischen Underdogs bleiben? Vielleicht wird es die Erkenntnis sein, dass selbst unerschütterlich erscheinende Zustände letzten Endes auf tönernen Füßen stehen. Wenn sich genügend Leute zusammentun und ein nach anderen Prinzipien aufgebautes System etablieren und dabei gut sind, gelten plötzlich andere Spielregeln. In Zeiten, die eher von Stagnation geprägt sind, eine zumindest hoffnungsvolle Einsicht.

Hier ist die vollständige 287-seitige Studie in englischer Sprache erhältlich.

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