Erwachsen oder bieder werden?

Beitrag Nr. 13

Diese Woche habe ich bei einem Freund, der eine Druckerei in Ludwigshafen am Rhein betreibt, Opensuse 10.2 auf einen Rechner aufgespielt. Das hat gut geklappt. Als Drucker interessiert er sich für die Bildbearbeitung und für das Layout. Ich zeigte ihm kurz die Programme Gimp und Scribus. Ihm fiel sofort auf, dass Gimp 2.2 keine Umwandlung von Bildern im Farbmodus RGB in den Farbmodus CMYK mit einem Klick ermöglicht. Für ihn ist das ein Nachteil, da der Offsetdruck den letztgenannten Farbmodus verwendet.

Es wird nicht mehr lange dauern, bis dieser Mangel beseitigt ist. Die Version 2.4 von Gimp wird diese Funktion wohl enthalten. Derzeit sind die Programmierer des Projekts bei der Entwicklerversion 2.3.14 angekommen. Die Versionen mit den ungeraden Zahlen hinter dem ersten Punkt sind üblicherweise Versionen in der Testphase, die nie zum normalen Einsatz kommen. Sie führen quasi eine Existenz im Verborgenen.

Trotz des rasanten Fortschritts bei Gimp fiel mir dabei wieder auf, dass Freie Software häufig der proprietären Software doch hinterher hinkt. In einem Forum habe ich mal die verhalten-wütende Entgegnung eines Gimp-Programmierers auf den Vorwurf, das Programm unterstütze CMYK nicht, gesehen. Natürlich unterstütze Gimp diesen Farbmodus, schrieb der Entwickler, du musst nur… Dann folgte die übliche lange Liste von Befehlen und Arbeitsschritten, die jeden reinen Anwender sofort abschreckt: “Da hole ich mir doch vom Kumpel die schwarz gebrannte Photoshop-CD für Windows”.

Ein Anwender ohne Programmierkenntnisse, wie ich es einer bin, kann natürlich kaum an die Entwickler solcher Projekte Ansprüche stellen. Diese Menschen stellen dankenswerterweise ihre persönliche Zeit zur Verfügung, um Programme zu entwickeln, von denen Alle profitieren. Und trotzdem frage ich mich manchmal, ob es nicht möglich wäre, die Prioritäten besser zu setzen. Häufig erwecken die Ankündigungen der Projekte den Anschein, hier entstehe das beste, gewaltigste und durchdachteste Programm — allerdings “demnächst”, wenn das-und-das noch gemacht ist. Bis dahin gibt es da-und-da Probleme und geht das-und-das nicht.

Ich frage mich, ob es nicht möglich ist, ein stabiles und nutzbares Programm zu schaffen, das die Kernfunktionen alle perfekt erfüllt und ganz leicht zu bedienen ist. “Hinter den Kulissen” könnten ja dann alle möglichen tollen Zusatzfunktionen programmiert und nach und nach funktionsbereit eingebaut werden. Eine Stärke der Freien Software ist natürlich der riesige Pool aus freiwilligen Testern. Aber irgendwie denke ich, es wäre auch gut, wenn Programme eine rein auf Anwender zugeschnittene Version hätten: Da sind die Kernfunktionen drin, und die funktionieren alle gut. Ich würde das vielleicht mit “erwachsen werden” umschreiben. Vielleicht täusche ich mich und so funktioniert das Modell “Freie Software” einfach nicht. Vielleicht würde Freie Software damit nur “bieder” werden.

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