Vista — eher Langeweile als Begeisterung

Beitrag Nr. 14

Der weltweite Verkaufsstart des Betriebssystems Windows Vista am 30. Januar ist wohl leider das Thema dieser Woche. Ich hatte mir überlegt, das Ereignis zu ignorieren und einen Beitrag über Druckertreiber und Linux zu schreiben, aber… was soll’s: Zwölf Jahre nachdem Windows 95 den Computer den Massen näher gebracht habe, solle nun Vista der Menschheit einen neuen “digitalen Lebensstil” ermöglichen, meinte Microsoft-Gründer Bill Gates auf dem Times Square in New York. Verschiedene digitale Funktionen aus der Welt des Breitband-Internets, vor allem aus dem Bereich Medien und Kommunikation, würden zunehmend in einem Gerät vereinigt — deshalb Vista! Oder doch nicht? Kritiker merken an, dass mittlerweile die meisten Geräte verschiedene Funktionen, vor allem aus dem Bereich Medien und Kommunikation, in sich vereinigen und dass sich digitale Medien mit sämtlichen Betriebssystemen abspielen lassen — es sei denn es handelt sich um mit Geheimcode kodierte, nicht standardisierte, lausige Microsoft-Dateien.

Walt Mossberg, Kolumnist des Wall Street Journal, hatte bereits Mitte Januar einen ausführlichen Test von Windows Vista veröffentlicht. Die ambitioniertesten Pläne für Vista seien im Laufe des langen Entwicklungsprozesses verworfen worden, so Mossberg: “übrig geblieben ist ein tüchtiges, aber größtenteils wenig spannendes Produkt.” Zwar meinte Mossberg, Vista sei das beste Windows aller Zeiten, er wies jedoch auch daraufhin, dass die meisten neuen Funktionen, die in Vista vorhanden sind, bereits 2001 im Apple-Betriebssystem “Mac OS X” eingebaut wurden. Als negativ bewertete Mossberg, dass Vista extrem viel Ressourcen verbraucht — nur ein sehr neuer und sehr leistungsstarker Computer komme da mit. Teilweise laufe Vista auch mit einem guten Computer nur sehr langsam. Das System sei zwar sicherer geworden, aber die kontinuierliche Aktualisierung des umfangreichen Sicherheitssystems koste den Anwender auch viel Zeit und Geld, so Mossberg.

Microsoft würde sich sicher von solch kleinlichen technischen Einwänden wenig beeindruckt zeigen. “To wow someone” bedeutet auf Englisch “jemanden begeistern”: Das Motto der Windows-Einführung “The ‘Wow’ starts now” dürfte ein Hinweis darauf sein, dass Microsoft vor allem auf der Ebene des emotionalen Shopping-Erlebnisses und der Massenhysterie noch Chancen sieht, seine Monopolstellung zu erhalten. Denn letztlich hinkt die von Gates gezogene Parallele zur Einführung von Windows 95 deutlich: Damals ermöglichte Microsoft als erstes Unternehmen einem Massenpublikum den Kauf eines preiswerten Computers mit einfacher grafischer Benutzeroberfläche und einem leicht zu bedienenden Anwendungspaket. Mit einer einzigen CD von Windows oder Office konnten unzählige Computer bestückt werden, was zwar illegal war, aber auch erheblich zur Weiterverbreitung von Microsoft-Produkten beitrug. Windows war vor zwölf Jahren fast ein Symbol für Offenheit, weil das Betriebssystem getrennt vom Rechner verkauft wurde. Die Firma Apple Computer zeigte sich in der Frage der Trennung zwischen Hardware und Software verstockt — und verlor mit seinen zwar qualitativ guten, aber teuren Produkten das Rennen um die neue Computerwelt.

Dass die Welt sich von einem Betriebssystem nun vor allem emotional umwerfen lassen soll, zeigt, dass in technischer Hinsicht für Microsoft das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Es gibt keine Funktion und kein System mehr, das nicht auch woanders — und vor allem häufig kostenlos und/oder besser — zu haben wäre. Einzig die eingefahrenen Verhältnisse halten das System “Microsoft” am Laufen: Dass nämlich mit fast jedem neuen Computer das Betriebssystem Windows zwangsweise mit verkauft wird; dass Computernutzer fast Angst haben, Freie Software und offene Dateiformate zu verwenden, weil sie befürchten nicht mehr im Mainstream zu schwimmen; und dass generell die Einstellung herrscht: “Software muss teuer sein und ist nur was für Spezialisten”. Ich glaube, dass zunehmend mehr Computernutzer auf dieses System keine Lust mehr haben und dass die von Monopolen gemästeten Softwarebarone unruhigen Zeiten entgegen gehen. Wow!

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