Schauprozess, Sibirien, Software
Beitrag Nr. 15
In Moskau herrschten diese Woche Temperaturen um minus zehn Grad, doch die Gemüter sind erhitzt. Wie diese Woche bekannt wurde, geht die russische Justiz gegen Alexander Ponosov, den Leiter einer Mittelschule in Sepischewo im Ural vor. Ihm wird vorgeworfen, im Sommer 2005 zwölf Computer gekauft zu haben, auf denen sich illegale Kopien von Microsoft Windows und Office befanden. Michael Gorbatschow hat sich am 9. Februar in einem offenen Brief an Bill Gates gewandt. Darin verweist er darauf, dass die meisten Menschen in Russland den Prozess gegen Ponosov als “einen von Microsoft bestellten Schauprozess” sehen. Gorbatschow erklärt Gates, dass er es für ungerecht halte, wenn ein Lehrer, der sein Leben der Erziehung von Kindern gewidmet hat, und der unvergleichlich viel weniger verdiene als jeder x-beliebige Microsoft-Manager, mit einer sibirischen Gefängnisstrafe bedroht werde. Dem Schulleiter droht im Falle einer Verurteilung eine Höchststrafe von fünf Jahren Gefängnis.
Microsoft rudert bereits, wie man in den Medien sagt, zurück: Der Fall Ponosov sei ein Kriminalfall und werde von der russischen Staatsanwaltschaft initiiert und verfolgt, meinte die PR-Agentur Microsofts in London. Auch wolle Microsoft nicht auf dem in den Medien immer wieder genannten Schadenersatz von rund 8000 Euro bestehen. Bereits letzte Woche hatte Microsoft Russland mitgeteilt, dass sie eine Strafverfolgung angesichts der geringen Zahl von betroffenen Computern nicht für sinnvoll halten. Die Russland-Chefin Olga Dergunova erklärte, in solchen Fällen arbeite Microsoft mit den Schulen zusammen und biete ihnen legale Softwarelizenzen an. Microsoft erklärte am Firmensitz in Redmond im US-Bundesstaat Washington, dass das Unternehmen in den vergangenen sieben Monaten weltweit in fast 850 zivilen Prozessen und über 1700 Strafprozessen die geschädigte Partei war. Man halte sich aber normalerweise an die “großen Fische”.
Nun, die russische Justiz genießt weltweit kaum einen besonders guten Ruf. Und ob der Rektor Ponosov ins Netz geht, bleibt abzuwarten. Gorbatschow verweist in seinem offenen Brief aber auf etwas Wesentliches: Das russische Strafgesetzbuch sehe auch eine Strafe für den vor, der unwissentlich illegal kopierte Software benutzt. Nach der ganzen Aufregung in Russland — sogar Präsident Putin nannte die Anklage “lächerlich” — ist eine Verurteilung Ponosovs unwahrscheinlich. Der Fall dient aber meiner Meinung nach dazu, eines zu unterstreichen: Die Vorstellung, man könne von Unternehmen hergestellte und lizenzierte Software einfach illegal kopieren, weil man ja sowieso nie erwischt werde, ist falsch. Die großen Softwareunternehmen gehen immer rigoroser und konsequenter vor. Für sie ist das illegale Kopieren “Diebstahl” — etwa so, als stehle jemand ihre Autos oder breche in ihre Büros ein. Die bei vielen Menschen verbreitete Einstellung, Freie Software sei doch eher was für Spinner — wenn man was brauche, wisse man schon, wo man die Schwarzkopie der proprietären Software herbekomme, ist gesellschaftlich und juristisch Denkfaul. Der Bereich “geistiges Eigentum” ist längst keine Spielwiese mehr für Kavaliersdelikte.
Genausowenig wie die wenigsten Menschen bereit sind, ihre finanziellen Mittel oder ihre Freiheit bei einem banalen Ladendiebstahl aufs Spiel zu setzen, sollte man auch bei Software auf ein Risiko verzichten. Aus meiner Sicht spricht der Fall Ponosov dafür, auch als Privatperson, kleine Firma oder Bildungsinstitut strikt auf proprietäre Software zu verzichten. Wer weiß denn schon, ob nicht doch irgendetwas daran illegal ist. Es gibt genügend Software unter freien Lizenzen, die ohne Sorgen und Paranoia genutzt werden kann. Dies ist meines Erachtens eine Entscheidung von politischer und gesellschaftlicher Tragweite, keine technische Entscheidung. Faulheit ist hier fehl am Platze.