Blick zurück im Traum
Beitrag Nr. 17
Der Turing-Award geht dieses Jahr erstmals an eine Frau. Der angesehenste Preis für Computerwissenschaftler, häufig als “Nobelpreis der Informatiker” bezeichnet, geht für das Jahr 2006 an Frances E. Allen. Das teilte am 21. Februar die Association for Computing Machinery in New York mit. Damit schreibt die Preisträgerin Allen Geschichte: nach fünfzig nordamerikanischen und europäischen Männern, die den seit 1966 vergebenen Preis erhalten haben (manchmal teilen sich mehrere Personen die Auszeichnung), also eine Frau.
Frances E. Allen wurde 1932 geboren und wuchs im Norden des US-Bundesstaates New York auf einem Bauernhof auf. Die Anfänge der späteren IBM-Informatikerin wiesen zunächst wenig auf ein Leben im Dienst der Hochtechnologie und der Großkonzerne hin. Zwar wird Allen häufig als Mathematikerin bezeichnet, was an eine Gelehrte mit Zirkel, Rechenpapier und — heute wohl — Taschenrechner denken lässt, tatsächlich begann sie ihre berufliche Laufbahn jedoch nach dem Besuch einer pädagogischen Hochschule als Mathematiklehrerin an einer Provinzschule. Ihr Magisterstudium in Mathematik an der University of Michigan in Ann Arbor nahm sie nur auf, um die volle Zulassung zur Lehrerin zu erhalten.
Ihren Magisterabschluss machte sie allerdings 1957, zu einer Zeit, als überall die Nachkriegsindustrie boomte und die Bäume in den Himmel zu wachsen schienen. Die Computerfirma IBM führte an der Universität eine Werbeveranstaltung durch, und Allen, die durch das Studium hohe Schulden aufgetürmt hatte, trat in das Unternehmen ein. Sie wollte nach eigenen Aussagen nur solange bleiben, bis die Schulden abbezahlt waren; es wurden 45 Jahre daraus.
Frances E. Allen, die in Interviews viel Humor und Charme offenbart, hat den Turing-Award erhalten, weil ihre Arbeit aus den 1950ern und 1960ern die Grundlage für die Entwicklung optimierender Kompilierer und die automatische parallele Programmausführung legte. Die Grundlage dafür bilde ihre 1966 erschienene Abhandlung “Program Optimization”, so der Preisverleiher. Ein Kompilierer ist ein Programm zur Umwandlung menschlicher Programmiersprache aus Wörtern und Ziffern in Maschinensprache aus Einsen und Nullen.
In der öffentlichen Meinung dürfte Frauen allgemein wenig Interesse für Computer und die Wissenschaft rund um den Computer nachgesagt werden. Immer wieder wird in Expertenkreisen gemunkelt, das liege an dem unterschiedlichen Aufbau des Gehirns. Männer dächten organisiert und strukturiert, Frauen dagegen eher emotional und — das ist meist damit gemeint — ziemlich chaotisch. Eigentlich beweist ein Blick in jede x-beliebige studentische Wohngemeinschaft oder in einen durchschnittlichen Büroflur, dass dies kaum so stimmt. Allen erzählt im Übrigen, dass ihr Beitrag vor allem darin bestand, durch kontinuierliches Lernen und Beobachten zu erforschen, inwieweit die vom Kompilierer erstellte Maschinensprache unerwartete Verbesserungen gegenüber der menschlichen Programmiersprache brachte.
Nun, eine Frau hat die weltweit wichtigste Auszeichnung für Informatik erhalten. Ist dies also ein Meilenstein auf dem mittlerweile allseits verfolgten Ziel der “Chancengleichheit” (also das, was früher einmal Gleichberechtigung hieß)? Erobern, wie die illustrierten Nachrichtenmagazine sagen würden, die Frauen jetzt eine Männerdomäne? Anhand der Biografie von Frances E. Allen lässt sich meines Erachtens eher ein historischer Bruch ablesen, der wenig Positives verheißt. Heute dürften gerade Frauen es schwer haben, von der Provinzlehrerin zur gefeierten Wissenschaftlerin aufzusteigen. Dies ist doch eher das wahre Märchen der Vollbeschäftigungszeit. Meine Großmutter brachte es von der Radarhelferin bei der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg über den staatlich subventionierten Besuch einer pädagogischen Hochschule in London bis zur stellvertretenden Schulleiterin. Dabei bekam sie ihr erstes Kind mit 17. Ich glaube nicht, dass sie für die damalige Zeit eine besonders große Ausnahme war.
Es wird heute viel von Chancen geredet. Allen machte ihren Magisterabschluss vor fünfzig Jahren, und der Turing-Award wird in der Regel für das Lebenswerk verliehen. Es wäre interessant zu sehen, ob ab 2057 besonders viele Frauen aus wenig begüterten Verhältnissen in den Reihen der Preisträger zu finden sind. Es wird häufig so dargestellt, als sei die Gleichberechtigung eine Errungenschaft der zeitgenössischen Gesellschaft. Vielleicht ist es aber eher ein Blick zurück im Traum.