Das Wort mit “I”
Beitrag Nr. 19
Ich erinnere mich, dass mein älterer Bruder ein Motorrad aus allen möglichen alten Einzelteilen zusammenbaute, die er zum Teil in England besorgt hatte. Viele der Teile stammten noch aus den 1960ern oder 1970ern. Ab und zu musste er feststellen, dass die Gewinde seltsame Größen aufwiesen. Das niederschmetternde Wort “Inchgewinde” ist mir noch in bleibender Erinnerung. Selbst der sonst so gut bestückte Eisenwarenladen um die Ecke musste da passen. So ähnlich geht es nach wie vor bei den Dateiformaten für Textdokumente zu. Immer noch dominiert Microsoft Word mit seinem Format .doc die Welt der Textformate. Das offene Format Open Document Format, kurz ODF, holt jedoch auf. Nun kommt noch ein neues Microsoft-Format für Word 2007 mit der Endung .docx dazu. Wenn ein Makro mit drin ist, lautet die Endung .docm. Das Zauberwort bei all dem neuen Formate-Babel heißt “Interoperabilität”, damit ist das standardisierte, problemlose Zusammenspiel zwischen den Formaten gemeint. So soll alles friedlich miteinander koexistieren, sagen zumindest die Microsoft-Leute. Faktisch lässt sich jedoch immer noch häufig keine passende Mutter zum Gewinde finden.
Der Vorteil des neuen Word-2007-Format ist, dass es komplett standardisiert und offen ist, das heißt jeder kann Zusatzprogramme, also Filter, schreiben, die ein Word-2007-Dokument in ein anderes Format umwandeln. In Microsoft Word selbst arbeitet ein solcher Filter bereits gut. Wie steht es aber beispielsweise mit der Umwandlung eines OpenOffice-Dokuments unter Linux in ein Word-2007-Dokument? Derzeit, scheint mir, nicht so gut.
Am Mittwoch hat das US-Softwareunternehmen Novell, dass auch führend die Linux-Distribution Opensuse fördert, ein Linux-Programm namens “OpenXML Translator” veröffentlicht. Dieses Programm liegt auch als RPM-Datei vor. Das Programm soll für die von Novell erstellten Versionen von OpenOffice — also auch bei Opensuse — funktionieren. Ich habe dies ausprobiert: Ich habe mir die RPM-Datei heruntergeladen und diese mit einem Rechtsklick und “öffnen mit” und “Installieren von Software” in Opensuse 10.2 installiert. Das hat gut geklappt. Tatsächlich war nun auch beim Speichern eines Dokuments in OpenOffice im Menüpunkt “Filter” die Auswahlmöglichkeit “Microsoft Word 2007 Document (.docx)” vorhanden. Es wurde auch ein Dokument erstellt, das diese Dateiendung trug und von OpenOffice auch wieder gelesen werden konnte. Leider hieß es dann unter dem für Word-2007-Dokumente aufgerüsteten Word for Windows 2002 immer wieder “Fehler beim Öffnen der Datei”.
Seit 31. Januar ist das von Microsoft finanzierte und von drei externen Software-Unternehmen entwickelte Zusatzprogramm zum Abspeichern von Dokumenten im Format Open Document Text (.odt) unter Microsoft Word in der Version 1.0 im Internet verfügbar. Dieses Programm hat bei mir unter Word 2002 gut funktioniert. Im November 2006 war die Vorversion noch nicht so ausgereift. Ich habe ein recht komplexes Dokument mit der Version 1.0 abgespeichert: Das Programm hat mich gewarnt, dass die Fußzeile verändert sein könnte. Tatsächlich hatte sich die Seitenzahl von rechts nach links verschoben. Nachdem ich die Seitenzahl manuell korrigiert hatte, sah das Dokument identisch aus. Dieses so genannte ODF-Add-In kann ich empfehlen.
Seit neuestem gibt es auch ein Konvertierprogramm von Sun. Dies funktioniert aber bis jetzt nur für Word 2003. Außerdem muss man sich erst auf der Sun-Website registrieren lassen. Ende April soll die endgültige Version unter dem Namen “Sun ODF Plugin for Microsoft Word” erscheinen.
Die verschiedenen Filter werden sicher noch weiter entwickelt. Aus meiner Sicht spricht das ganze Chaos aber dafür, sich vehement für die Nutzung des standardisierten Open-Document-Formats einzusetzen. Im Grunde genommen ist der ganze Konvertiererbasar unnötig. Er kommt nur deshalb zustande, weil das “Imperium” Microsoft, dessen Gründer Gates diese Woche zum 13. Mal in Folge mit 56 Milliarden US-Dollar Vermögen reichster Mann der Welt wurde, sein Monopol mit Zähnen und Klauen verteidigt. Derzeit klingt für mich “Interoperabilität” eher wie “Inchgewinde”.