Das Gerät in der Küche

Beitrag Nr. 20

Ich bin mir nicht sicher, ob die technische Bastelleidenschaft eine besondere Form der Zeitverschwendung oder eher das letzte Aufbegehren gegen eine Welt von normierten Konsumprodukten ist. Ich rede hier von einem eigenständigen MP3-Spieler, den sich ein gewisser Sven aus uralten Computerbestandteilen, einem Monitor und einem “Wäschewürfel” des großen schwedischen Wegwerfmöbelhauses gebaut hat. Zusammen mit Funkboxen bilden “Cube I” bis “Cube IV” eigenständige Abspielgeräte für die Musiksammlung im Format MP3.

Insgesamt neige ich dazu, diese Art des Bastelns als ernsthafte Betätigung zu sehen. Ich bin auf diese Website gestoßen, weil ich bei Heise Online diese Woche einen Bericht über ein Internet-Radiogerät gesehen habe. Das Gerät der taiwanischen Firma Asus wird als Audio-Streaming-Client bezeichnet und hört auf den Namen “u-Nedio”. Das Ding wird auch als drahtloser Webradio-Empfänger bezeichnet. Ich hab keine Ahnung wie das Gerät genau funktioniert. Es ist wohl auch noch nicht zu kaufen, da es erst auf der derzeit laufenden Computermesse CeBIT vorgestellt wurde.

Als Freund des Radios hatte ich mir allerdings schon früher die Frage gestellt, warum eigenständige Geräte zum Anhören eines Radiostroms aus dem Internet sich nicht durchsetzen. Schließlich bräuchte es dazu relativ wenig Aufwand: Das Gerät muss über einen Router mit dem Internet — entweder drahtlos oder per Kabel — verbunden werden. Die Software muss mit Audioströmen umgehen können, und das Gerät muss genügend Rechenkraft besitzen, um die Audiodaten zu verarbeiten. Ein gewisser Gresley, der (zumindest im Internet) in dem sehr gemütlich klingenden “Gresleys Hang Out” wohnt, hat das mit einem weit über zehn Jahre alten Prozessor geschafft. Für ärmere Länder wird bereits an einem 100-Dollar-Laptop gefeilt. Da sollte ein preiswertes Radiogerät doch kein Problem sein.

Bei Gresleys Beschreibung der Software, die er benutzt hat, verstehe ich noch nicht mal Bahnhof, höchstens so etwas wie Internationale Raumstation. Aber das brauche ich ja eigentlich auch nicht. Ich würde gerne ein Gerät haben, in das ich die Internet-Adresse des Radiostroms eintippe und dann kommt die Radiosendung aus dem Lautsprecher. Dass so etwas Einfaches und technisch ohne weiteres Machbares sich nicht durchsetzt, steht für mich symbolisch für den Unsinn, den die großen Technologie-Unternehmen im Bereich Forschung und Entwicklung betreiben. Ich sehe darin auch die gedankenlose Art, wie die Medien über Technologie berichten.

Während darüber debattiert und geforscht wird, wie man automatisch per Mobiltelefon den eigenen Kühlschrank auffüllen lassen oder aus dem Ausland die Jalousien herunterlassen kann, werden ganz banale Anwendungen vernachlässigt. Niemand hört vor seinem Computer sitzend Radio. Ohne ein eigenständiges Gerät für Küche, Garten und Werkstatt wird das Internet-Radio noch nicht mal eine Nische werden. Dann sind da noch die Dateiformate: Das oben genannte Gerät von Asus spielt das patentbelastete Format MP3 und das proprietäre Microsoft-Format WMA ab. Leider nicht das freie Format Vorbis. In Deutschland haben bereits sehr viele freie Radiostationen auf Vorbis umgestellt. Wenn man aber ein multiformatiges Gerät besäße, könnte man komplett auf ein normales Radiogerät verzichten: Sämtliche Stationen senden ihr Programm mittlerweile als Strom im Internet. Ich kann in meiner Küche mit dem normalen Radiogerät beispielsweise den örtlichen Bermudafunk nicht empfangen, obwohl ich wenige Meter vom Sendestudio entfernt wohne. Mit einem Internet-Radio wäre das kein Problem.

Am Beispiel des Internet-Radios lässt sich meines Erachtens ablesen, wie sich die Möglichkeiten der Technik bei genauem Hinsehen aus den verschiedensten Gründen praktisch stark reduzieren. Bei einer massiven Produktion preiswerter Internet-Radiogeräte wären mit diesen kaum noch Gewinne zu erzielen. Außerdem kann mit dem Radiostrom selbst auch kaum Gewinn erzielt werden. Also ist das Ganze uninteressant und fällt unter den Tisch. Das ist für mich die bunte Welt des Konsum-Internets: Wo nicht Unmengen Geld fließen, ist Schluss.

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