Hase und Igel
Beitrag Nr. 23
Eines meiner Lieblingsmärchen ist das bekannte Grimms Märchen vom Hasen und vom Igel, das ja eigentlich von zwei Igeln handelt: Der männliche Igel geht eines morgens aufs Feld und wünscht dem vorbeikommenden Hasen einen guten Morgen. Im Märchen heißt es: “Der Hase aber, der auf seine Weise ein vornehmer Herr war und grausam hochfahrend noch dazu, antwortete gar nicht auf des Igels Gruß, sondern sagte mit höhnischer Miene: ‘Wie kommt es, dass du hier schon so am frühen Morgen im Feld herumläufst?’” Der Hase macht sich darüber hinaus über die krummen Beine des Igels lustig, worauf der Igel ihn zu einem Wettrennen fordert.
Der Igel geht nach Hause und holt seine Frau, die genauso aussieht wie er. Das Wettrennen findet in zwei nebeneinander liegenden, aber jeweils größtenteils nicht einsehbaren Ackerfurchen statt. Die Frau des Igels steht am Ende der Igel-Ackerfurche und ruft, als der Hase ans Ziel gelangt: “Ich bin schon da!” Der Hase denkt, der Igel hätte ihn tatsächlich überholt und fordert immer neue Wettrennen. Läuft er jedoch in die andere Richtung zurück, steht der männliche Igel da und ruft ebenfalls: “Ich bin schon da!” Der Hase läuft insgesamt 74 Mal und stürzt dann tot zu Boden. Und wenn die beiden Igel nicht gestorben sind, leben sie — wie sollte es anders sein — noch heute.
Die International Organization for Standardization, kurz ISO, hat am 2. April mitgeteilt, dass das proprietäre neue Microsoft-Format für Büroanwendungen “Open XML” auf dem Weg zur möglichen ISO-Standardisierung einen weiteren Schritt absolviert hat. Bis 2. September laufe jetzt der Abstimmungsprozess über die Zulassung zur nächsten Stufe des Verfahrens. Danach sind jedoch noch weitere Stufen zu durchlaufen, bis schließlich das Format offiziell als internationaler technischer Standard gelten darf.
Es wird also noch etwas dauern, bis das Microsoft-Format als internationaler Standard feststeht. Das OpenDocument Format, kurz ODF, ist jedoch bereits im Dezember 2006 ans Ziel gelangt: es ist bereits ein ISO-Standard. Das Format wird von der relativ unabhängigen Stiftung “Oasis” betreut. Ein Umstand, der auch den bedeutenden US-Bundesstaat Massachusetts mit seiner Hauptstadt Boston bewogen haben könnte, bei seinen Behörden den Dokumentenstandard von Microsoft auf ODF umzustellen. Ziel sei es laut Heise Online, Dokumente dauerhaft zugänglich zu machen, egal welche Betriebssysteme in öffentlichen Einrichtungen genutzt würden. Die Bundesstaaten Texas und Minnesota wollen wohl im zweiten Halbjahr 2008 diesem Beispiel folgen.
Der Igel überlegt sich vor dem Rennen Folgendes: “Der Hase verlässt sich auf seine langen Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er ist zwar ein vornehmer Herr, aber doch ein dummer Kerl, und das soll er bezahlen.” Um einmal explizit die Parallele zu ziehen: die Microsoft-Leute sind sicher keine “dummen Kerls”, sie sind aber doch ziemlich dreist. Das von ihnen dominierte Dokumentenformat Open XML als offen zu bezeichnen, ist kaum zutreffend: Besondere Funktionsmöglichkeiten von Microsoft Office seien nicht mit Open Document kompatibel und könnten deshalb auch nicht in diesem Format abgespeichert werden, sagen sie. Die tolle, bunte Welt der Office-Programme von Microsoft benötige einfach ein eigenes, teilweise inkompatibles Format — sorry.
Es ist leicht vorherzusehen, dass diese Funktionen plötzlich überall in Dokumenten auftauchen werden und so ein reibungsloses Zusammenspiel zwischen Microsoft und Freier Software erneut verhindern werden. Ich denke, es ist an der Zeit, überall konsequent Dokumente im Open Document Format abzuspeichern. Bei Freier Software ist dies Standard. Der De-facto-Standard von Microsoft bei den Büroformaten ist einfach eine lästige Fußfessel. Ich bitte Freunde mittlerweile, mir keine Microsoft-Dokumente zu schicken. Dieses Format ist eben kein Standard, sondern ein einengendes Monopol.