Überholen ohne Einzuholen

Beitrag Nr. 32

Der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht glaubte 1959 noch, die DDR würde Westdeutschland bei Lebensmitteln und Konsumgütern “einholen und zum Teil übertreffen”. Als das nicht mehr realistisch erschien, wurde die Parole “Überholen ohne Einzuholen” geprägt. Viele Jahre haben Vertreter von Projekten aus dem Bereich “Freie Software” versucht, die proprietäre Softwarewelt einzuholen und zum Teil zu übertreffen. Das hat Freier Software, die auch ein gesellschaftliches Projekt für mehr Freiheit ist, einen schlechten Ruf als zweite Wahl hinter den wirklich guten, sprich proprietären, Programmen eingebracht.

Einer, der überholen will ohne einzuholen, ist Mark Shuttleworth, der millionenschwere Benefaktor des Gnu-Linux-Projektes “Ubuntu”. In einem am 9. Juni 2007 in der britischen Wirtschaftszeitschrift The Economist veröffentlichten Interview sagt Shuttleworth, dass er mehr will als nur ein preiswertes Betriebssystem schaffen: “Proprietäre Softwareunternehmen werfen der Freien Software vor, dass sie nur kopiere, was bereits zuvor [von anderen] entwickelt worden ist. Freie Software sei nicht innovativ. Ich bin anderer Meinung: Das kollaborative Konzept der Open-Source-Gemeinde ist das beste Modell, das zur Förderung von Innovationen zur Verfügung steht.” Quelloffene Softwareprojekte versuchten in vielen Bereichen gar nicht erst einzuholen, weil sie bereits in Führung seien, unterstrich der aus Südafrika stammende Unternehmer.

Angesichts der Tatsache, dass in vielen Mobiltelefonen, Kameras und Musikspielern zunehmend Linux als Betriebssystem eingebaut wird, erklärte Shuttleworth: “Ich hoffe, dass wir mit der proprietären Welt nicht nur gleichziehen, sondern sogar einen Bocksprung über sie hinweg machen können.” Der Ubuntu-Gründer erklärte, dass Freie Software vor allem da stark sei, wo die einfache und problemlose Handhabung eines Geräts besonders vorteilhaft oder wünschenswert sei.

Dass gerade Freie Software immer besonders einfach zu bedienen ist, würde wohl kaum jemand unterschreiben. Und dennoch: Shuttleworth hat recht. Viele Probleme, die Freie Software bereitet, entstehen an der Schnittstelle zwischen Freier und proprietärer Software. Das berühmteste Beispiel sind die Textdateiformate von Microsoft Office und OpenOffice. Wird Freie Software jedoch in einem Rahmen aus komplett freier Software und mit ausschließlich Freien Lizenzen genutzt, treten praktisch keine Probleme auf. Hier ist die Software und sind die Geräte viel benutzerfreundlicher als alles, was proprietär ist.

Ich habe kürzlich bei einem Freund Kubuntu 7.04 auf dem Rechner installiert. Es lief komplett reibungslos in ein bis zwei Stunden — in seinem eigenen Rahmen ist Linux kaum an Einfachheit und Problemlosigkeit zu übertreffen. Bei der Software der Großkonzerne mit ihren proprietären Lizenzen und Patenten liegt das Problem, nicht bei Linux und den freien Programmen. Wer langfristig gesehen seine Zeit nicht mit Computerproblemen verschwenden will, sollte ganz strikt auf ausschließlich Freie Software setzen.

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