El Libertador?

Beitrag Nr. 33

Am 6. August 1813 führte der aus der kreolisch-spanischen Mittelschicht stammende, gerade einmal dreißigjährige Simón José Antonio de la Santísima Trinidad Bolívar y Palacios seine Truppen siegreich in die venezolanische Stadt Caracas. Daraufhin wurde die “Zweite Venezolanische Republik” ausgerufen (die erste war 1811 relativ schnell gescheitert), und das Ende der Herrschaft der spanischen Krone in Südamerika begann. Bekannt ist der Truppenführer heute unter dem Namen Simón Bolivar. Für diesen spanischstämmigen Revolutionär, genannt El Libertador, hegt der heutige Regierungschef Venezuelas Hugo Chávez seit frühesten Jahren eine tiefe Bewunderung.

Was Bolivar die spanische Krone und die spanischstämmige Oberschicht war, ist Chavez die Vereinigten Staaten von Amerika und deren unternehmerisches Establishment. Deshalb will der venezolanische Staat nun die “technische Unabhängigkeit” (Independencia Tecnológica de la Nación) erlangen, wozu auch die “Souveränität in der Information” gehört. Seit kurzer Zeit bietet das Konsortium Venezolana de Industria Tecnológica (VIT) mit Sitz in der Freihandelszone von Paraguaná deshalb drei preiswerte Personalcomputer und einen tragbaren Computer an. Das Ende 2005 gegründete Konsortium gehört zu vierzig Prozent der staatlichen venezolanischen Firma Veninsa und zu sechzig Prozent der chinesischen Firma Langchao.

Die Produktion der Computer soll im Lauf der Zeit von 80.000 Geräten auf 150.000 gesteigert werden. Nach Angaben des kritischen Onlinemagazins Telepolis wird ein Großteil der Geräte in den ersten drei Jahren vom Staat gekauft. Im Laufe der Zeit will das Unternehmen auch für den Export Geräte bauen. Die Technik der Geräte entspricht in ungefähr den in der Europäischen Union erhältlichen preiswerteren Rechnermodellen, und der Preis liegt auch in etwa vergleichbar bei umgerechnet etwas über 300 Euro.

Nach Angaben der Unternehmensleitung von VIT stand der “soziale Gedanke” von Anfang an im Vordergrund. Im Umfeld der Firma seien rund hundert Kooperativen entstanden. Die Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China dagegen folgt einem anderen Grundgedanken der venezolanischen Regierung, nämlich unabhängiger von den USA und der EU zu werden. Nach Angaben von Telepolis weisen venezolanische Wirtschaftsvertreter häufig darauf hin, dass die chinesischen Partner — anders als die westlichen Industrieländer — bereit sind, einen Technologietransfer zu gewährleisten. Nach einer vereinbarten Phase der gemeinsamen Geschäftsführung erhält der venezolanische Partner die Patente und das technische Wissen.

Bei den Computerprozessoren ist der “Libertador” des 21. Jahrhunderts allerdings noch auf US-amerikanische Technik angewiesen; sie stammen von der Firma Intel. Beim Betriebssystem heißt es auf der Website von VIT jedoch: “Compatible Sistema linux”. Die Computer werden mit vorinstalliertem Linux ausgeliefert. Welche Distribution dies ist, ist mir nicht bekannt.

Man muss kein Verfechter des von Chavez favorisierten autoritären Staatssozialismus sein, um an diesem Beispiel zu sehen, dass Software nicht ausschließlich eine Frage der einfacheren Bedienbarkeit oder des Geschmacks oder sogar des Preises ist, wie häufig am Stammtisch oder in der Büropause geargwöhnt. Das Handeln des Staates Venezuela offenbart die politische und geostrategische Tragweite von Software. Richard Stallman, der Gründer der Free Software Foundation, wird im Juli 2007 an der Universität von Maracaibo in Venezuela, der größten Universität des Landes, eine Vortragsserie mit dem Titel “El Software Libre” halten.

Mit “bolivarischen” Computern will Hugo Chavez seinem “spanischen König”, den USA, Paroli bieten. Obwohl Simón Bolivar Europa durchreist hatte und die Gedanken der französischen und amerikanischen Revolution kannte, soll er deren soziale Vorstellungen nicht geteilt haben. Er soll sogar erwogen haben, sich zum Kaiser krönen zu lassen. Durch Dekret von oben wird sich die Forderung nach Selbstbestimmung — oder Souveränität — im Bereich Informationen vermutlich doch nicht realisieren lassen. Dazu muss wohl jeder einzelne Mensch beitragen.

Kommentarfunktion ist deaktiviert