Hase und Igel

6. April 2007

Beitrag Nr. 23

Eines meiner Lieblingsmärchen ist das bekannte Grimms Märchen vom Hasen und vom Igel, das ja eigentlich von zwei Igeln handelt: Der männliche Igel geht eines morgens aufs Feld und wünscht dem vorbeikommenden Hasen einen guten Morgen. Im Märchen heißt es: “Der Hase aber, der auf seine Weise ein vornehmer Herr war und grausam hochfahrend noch dazu, antwortete gar nicht auf des Igels Gruß, sondern sagte mit höhnischer Miene: ‘Wie kommt es, dass du hier schon so am frühen Morgen im Feld herumläufst?’” Der Hase macht sich darüber hinaus über die krummen Beine des Igels lustig, worauf der Igel ihn zu einem Wettrennen fordert.

Der Igel geht nach Hause und holt seine Frau, die genauso aussieht wie er. Das Wettrennen findet in zwei nebeneinander liegenden, aber jeweils größtenteils nicht einsehbaren Ackerfurchen statt. Die Frau des Igels steht am Ende der Igel-Ackerfurche und ruft, als der Hase ans Ziel gelangt: “Ich bin schon da!” Der Hase denkt, der Igel hätte ihn tatsächlich überholt und fordert immer neue Wettrennen. Läuft er jedoch in die andere Richtung zurück, steht der männliche Igel da und ruft ebenfalls: “Ich bin schon da!” Der Hase läuft insgesamt 74 Mal und stürzt dann tot zu Boden. Und wenn die beiden Igel nicht gestorben sind, leben sie — wie sollte es anders sein — noch heute.

Die International Organization for Standardization, kurz ISO, hat am 2. April mitgeteilt, dass das proprietäre neue Microsoft-Format für Büroanwendungen “Open XML” auf dem Weg zur möglichen ISO-Standardisierung einen weiteren Schritt absolviert hat. Bis 2. September laufe jetzt der Abstimmungsprozess über die Zulassung zur nächsten Stufe des Verfahrens. Danach sind jedoch noch weitere Stufen zu durchlaufen, bis schließlich das Format offiziell als internationaler technischer Standard gelten darf.

Es wird also noch etwas dauern, bis das Microsoft-Format als internationaler Standard feststeht. Das OpenDocument Format, kurz ODF, ist jedoch bereits im Dezember 2006 ans Ziel gelangt: es ist bereits ein ISO-Standard. Das Format wird von der relativ unabhängigen Stiftung “Oasis” betreut. Ein Umstand, der auch den bedeutenden US-Bundesstaat Massachusetts mit seiner Hauptstadt Boston bewogen haben könnte, bei seinen Behörden den Dokumentenstandard von Microsoft auf ODF umzustellen. Ziel sei es laut Heise Online, Dokumente dauerhaft zugänglich zu machen, egal welche Betriebssysteme in öffentlichen Einrichtungen genutzt würden. Die Bundesstaaten Texas und Minnesota wollen wohl im zweiten Halbjahr 2008 diesem Beispiel folgen.

Der Igel überlegt sich vor dem Rennen Folgendes: “Der Hase verlässt sich auf seine langen Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er ist zwar ein vornehmer Herr, aber doch ein dummer Kerl, und das soll er bezahlen.” Um einmal explizit die Parallele zu ziehen: die Microsoft-Leute sind sicher keine “dummen Kerls”, sie sind aber doch ziemlich dreist. Das von ihnen dominierte Dokumentenformat Open XML als offen zu bezeichnen, ist kaum zutreffend: Besondere Funktionsmöglichkeiten von Microsoft Office seien nicht mit Open Document kompatibel und könnten deshalb auch nicht in diesem Format abgespeichert werden, sagen sie. Die tolle, bunte Welt der Office-Programme von Microsoft benötige einfach ein eigenes, teilweise inkompatibles Format — sorry.

Es ist leicht vorherzusehen, dass diese Funktionen plötzlich überall in Dokumenten auftauchen werden und so ein reibungsloses Zusammenspiel zwischen Microsoft und Freier Software erneut verhindern werden. Ich denke, es ist an der Zeit, überall konsequent Dokumente im Open Document Format abzuspeichern. Bei Freier Software ist dies Standard. Der De-facto-Standard von Microsoft bei den Büroformaten ist einfach eine lästige Fußfessel. Ich bitte Freunde mittlerweile, mir keine Microsoft-Dokumente zu schicken. Dieses Format ist eben kein Standard, sondern ein einengendes Monopol.

GPL: Gegen nukleare Abschreckung

30. März 2007

Beitrag Nr. 22

“Coram iudice et in alto mare sumus in manu Dei”, lautet angeblich eine alte römische Juristenweisheit, zu deutsch: “Vor Gericht und auf hoher See sind wir in Gottes Hand.” Natürlich beschäftigt sich dieser Spruch vor allem mit den Unwägbarkeiten eines Gerichtsverfahrens. Der Vergleich mit der hohen See, die bei Sturm eine existenzielle Gefahr darstellt, dürfte aber nicht ganz zufällig sein. Gott sei Dank werden die meisten rechtlichen Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten auch heute noch außerhalb des Gerichtssaals geführt. Dazu gehört auch die Weiterentwicklung der neuen Lizenzen nach dem Copyleft-Prinzip, beispielsweise der Gnu General Public License, kurz GPL. Es waren aber gerade möglicherweise drohende Gerichtsverfahren, die zu einigen Veränderungen in der derzeit im Entwurfsstadium befindlichen dritten Version der Lizenz geführt haben.

Am 28. März hat die Free Software Foundation mit Sitz in Boston, die die Lizenz betreut, den dritten Entwurf zur dritten Version vorgelegt. Insbesondere der Paragraf 11 ist grundlegend überarbeitet worden. Mit Blick auf das Abkommen zwischen den zwei US-Softwareunternehmen Microsoft und Novell, das deren Kunden gegenseitig von Patentstreitigkeiten freistellt, werden solche Einzelausnahmen für Software unter der GPL verboten. Eine Freistellung im Rahmen der Lizenz ist möglich, muss dann jedoch für alle Linux-Distributionen gelten. Theoretisch wäre es sonst möglich, dass Microsoft Distributoren und deren Kunden mit Patentklagen überzieht und nur Novell-Kunden ungeschoren davonkommen lässt.

Was im Übrigen die Frage aufwirft, warum diese Klagen so problematisch sind. Schließlich soll doch Freie Software ein Hort der Freiheit sein, wo sowieso keine patentierte Software verwendet werden sollte. Die Ursache des Problems beschreibt der oben zitierte Spruch über die Unvorhersehbarkeit der richterlichen Entscheidung. Patentstreitigkeiten sind immens teuer, und es geht dabei meist um hohe Summen. Selbst wenn die Chance, in einem Patentverfahren gegen Microsoft zu unterliegen, nicht groß ist, ist im Falle eines Unterliegens doch die wirtschaftliche Existenz einer kleinen Firma oder einer Einzelperson in aller Regel zerstört. Normalerweise geben wenig finanzstarke Angeklagte nach, selbst wenn sie eigentlich von ihrem Recht überzeugt sind. Es würde auch niemand mit einem Bungeeseil von einer Brücke springen, wenn die Wahrscheinlichkeit in den Tod zu springen lediglich rund drei Prozent betragen würde — der Sprung also “quasi sicher” sei.

Letztlich ist das System von Softwarepatenten ein Unding: Um die derzeit gängige Software zu programmieren, haben sämtliche Entwickler überall geklaut, abgeschrieben oder sich kreativ inspirieren lassen — je nachdem von welchem Standpunkt man es aus sieht. Die Millionen von Zeilen umfassenden Quelltexte nach “genialen Einzelleistungen” aufzudröseln ist meist unmöglich. Patente auf Software dienen lediglich dazu, großen finanzstarken Konzernen das rechtliche Äquivalent einer Atombombe in die Hand zu geben: Atommächte sind bekanntlich vor Angriffen relativ sicher, teilen dafür aber selbst gerne aus.

Programmieren bei Sonne und bei Regen

23. März 2007

Beitrag Nr. 21

Wenn ich über Softwareentwicklung nachdenke, komme ich recht schnell in einen Zwiespalt: Einerseits denke ich, ist es doch egal, dass die meiste Software in den USA entwickelt wird. Wenn die Programme gut funktionieren, reicht das doch. Und: selbst wenn die meisten Projekte in Nordamerika beheimatet sind, sind natürlich nicht nur US-Amerikaner an der Entwicklungsarbeit beteiligt. Andererseits denke ich, dass eine solche Unausgewogenheit nicht gut sein kann. Ein technisches Produkt kann sicher zunächst von der Konzentration der Entwicklung an einem Platz profitieren. Andererseits finde ich, sollten wesentliche menschliche Produkte überall auf der Welt hergestellt werden.

Ich komme auf dieses Thema, weil am 19. März 2007 gemeldet wurde, dass die nächste ganzzahlige Version der Benutzeroberfläche KDE, die Version 4.0, Ende Oktober erscheinen wird. Ich arbeite seit vielen Jahren mit dieser Arbeitsumgebung und kann sie nur empfehlen. Besonderer Wert wird bei der Version 4.0 auf die leichte Bedienbarkeit und Optik gelegt. Außerdem soll der Umgang mit Hardware durch das Projekt “Solid” vereinfacht werden. Ein sehr interessanter Aspekt von Solid ist, dass KDE in Zukunft plattformunabhängig sein wird, das heißt die Arbeitsumgebung könnte bald auch in einer Version für Windows verfügbar sein.

Das Projekt KDE wurde im Oktober 1996 von Matthias Ettrich gegründet, der damals an der Universität Tübingen Informatik studierte. Die Version 1.0 wurde im Juli 1998 veröffentlicht. Das Projekt ist als eingetragener Verein mit dem Namen KDE e.V. mit Sitz in Tübingen organisiert. Die derzeitige Vorsitzende ist die 34-jährige Elektroingenieurin Eva Brucherseifer aus Darmstadt. Vergangenen Oktober wurde das zehnjährige Bestehen des Projekts in Esslingen gefeiert.

Das Projekt liegt mir am Herzen, weil es eine sehr offene und persönliche Kultur hat. Ich vergleiche manchmal die mit Werbe- und Propagandaverlautbarungen vollgestopfte Microsoft-Website mit der Website von KDE. Wenn ich von der Arbeit an der funktionalistischen Maschine “Computer” frustriert bin, habe ich schon angenehme Stunden mit einer Tasse Tee vor dem Bildschirm damit verbracht, die nach einem Standardfragebogen mit den Entwicklern des Projekts geführten Interviews bei “People Behind KDE” zu lesen. Leider sind sie alle auf Englisch. Dort lese ich beispielsweise etwas über den 29-jährigen Informatiker Sebastian Trüg aus Freiburg im Breisgau, dem ich das hervorragende Brennprogramm K3b verdanke. Außerdem habe ich von ihm den Tipp, mich in Zukunft um einen lautlosen — nicht nur leisen — Rechner zu kümmern. Keine Ahnung, ob es wichtig ist, dass er schwarze T-Shirts und Schokolade mag. Ich mag beides nicht.

An einem besonders lausigen und langweiligen Tag bin ich mal durch Zufall auf das Interview mit Boudewijn Rempt aus dem niederländischen Deventer gestoßen, im Wesentlichen, weil der Name mich fasziniert hat. Boudewijn ist ein 36-jähriger Programmierer, der als wesentlichen Einfluss einen Pater Adrian aus einem Kloster in Den Haag angibt, das griechische Neue Testament des Stuttgarter Theologen Eberhard Nestle auf dem Nachttisch liegen hat und “Geselligkeit, gutes Essen und guten Wein” mag. Boudewijn hat mit 24 geheiratet und hat drei Töchter. Mich hat dieses Interview irgendwie aufgeheitert.

Oder ich lese über den 25-jährigen Schotten und Quäker Jonathan Riddell, der bei KDE dabei ist und außerdem der Chefentwickler von Kubuntu ist (Kubuntu = Ubuntu mit KDE). Ich habe mal zwei Jahre in Schottland gewohnt und selbst sehen können, dass die Leute es schwer haben, dort ein Bein auf den Boden zu bekommen. Wer dort mehr als das reine überleben will, wandert häufig aus. Irgendwie finde ich es gut, dass jemand wie Jonathan in Edinburgh wohnen kann und dort führend an einem Projekt mitarbeiten kann — trotzdem die Sonne in Kalifornien öfter scheint. (Und in Schottland regnet es wirklich häufig.) Vor einiger Zeit gab es mal eine erregte Diskussion darüber, dass die Linuxdistribution Suse die Benutzeroberfläche KDE nicht mehr als Standardeinstellung bei der Installation vorgeben würde, sondern die eher in Nordamerika beheimatete Arbeitsumgebung Gnome. Das Projekt Gnome wird unter anderem vom neuen Eigentümer der Nürnberger Suse Linux GmbH, dem US-Softwarekonzern Novell, direkt unterstützt.

Ich frage mich, ob es provinziell ist, wenn mich ein Foto mit den KDE-Entwicklern anrührt, wie sie bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen in Esslingen bei Stuttgart eine Sahnetorte mit ihrem Marzipanmaskottchen anschneiden. Kaltschnäuzig könnte ich mit den zeitgenössischen Freunden der globalisierten Welt sagen, dass Software nicht in der realen Welt entwickelt wird, sondern im Internet. Sie wird aber wohl doch in der echten Welt entwickelt, denn zumindest die Entwickler leben an einem realen Ort. Jenseits aller Überlegungen über die geostrategische Bedeutung von Software und ihren Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt denke ich, dass Software ein ganz normales menschliches Produkt ist. Warum sollte sie nicht auch in meiner Stadt von Leuten entwickelt werden, die im Straßencafé um die Ecke in der Sonne sitzen? Ist es nicht vielleicht gut, so was wie Softwareentwicklung vor Ort zu unterstützen, beispielsweise, indem man die benutzte Software auch nach solchen Kriterien aussucht?

Das Gerät in der Küche

16. März 2007

Beitrag Nr. 20

Ich bin mir nicht sicher, ob die technische Bastelleidenschaft eine besondere Form der Zeitverschwendung oder eher das letzte Aufbegehren gegen eine Welt von normierten Konsumprodukten ist. Ich rede hier von einem eigenständigen MP3-Spieler, den sich ein gewisser Sven aus uralten Computerbestandteilen, einem Monitor und einem “Wäschewürfel” des großen schwedischen Wegwerfmöbelhauses gebaut hat. Zusammen mit Funkboxen bilden “Cube I” bis “Cube IV” eigenständige Abspielgeräte für die Musiksammlung im Format MP3.

Insgesamt neige ich dazu, diese Art des Bastelns als ernsthafte Betätigung zu sehen. Ich bin auf diese Website gestoßen, weil ich bei Heise Online diese Woche einen Bericht über ein Internet-Radiogerät gesehen habe. Das Gerät der taiwanischen Firma Asus wird als Audio-Streaming-Client bezeichnet und hört auf den Namen “u-Nedio”. Das Ding wird auch als drahtloser Webradio-Empfänger bezeichnet. Ich hab keine Ahnung wie das Gerät genau funktioniert. Es ist wohl auch noch nicht zu kaufen, da es erst auf der derzeit laufenden Computermesse CeBIT vorgestellt wurde.

Als Freund des Radios hatte ich mir allerdings schon früher die Frage gestellt, warum eigenständige Geräte zum Anhören eines Radiostroms aus dem Internet sich nicht durchsetzen. Schließlich bräuchte es dazu relativ wenig Aufwand: Das Gerät muss über einen Router mit dem Internet — entweder drahtlos oder per Kabel — verbunden werden. Die Software muss mit Audioströmen umgehen können, und das Gerät muss genügend Rechenkraft besitzen, um die Audiodaten zu verarbeiten. Ein gewisser Gresley, der (zumindest im Internet) in dem sehr gemütlich klingenden “Gresleys Hang Out” wohnt, hat das mit einem weit über zehn Jahre alten Prozessor geschafft. Für ärmere Länder wird bereits an einem 100-Dollar-Laptop gefeilt. Da sollte ein preiswertes Radiogerät doch kein Problem sein.

Bei Gresleys Beschreibung der Software, die er benutzt hat, verstehe ich noch nicht mal Bahnhof, höchstens so etwas wie Internationale Raumstation. Aber das brauche ich ja eigentlich auch nicht. Ich würde gerne ein Gerät haben, in das ich die Internet-Adresse des Radiostroms eintippe und dann kommt die Radiosendung aus dem Lautsprecher. Dass so etwas Einfaches und technisch ohne weiteres Machbares sich nicht durchsetzt, steht für mich symbolisch für den Unsinn, den die großen Technologie-Unternehmen im Bereich Forschung und Entwicklung betreiben. Ich sehe darin auch die gedankenlose Art, wie die Medien über Technologie berichten.

Während darüber debattiert und geforscht wird, wie man automatisch per Mobiltelefon den eigenen Kühlschrank auffüllen lassen oder aus dem Ausland die Jalousien herunterlassen kann, werden ganz banale Anwendungen vernachlässigt. Niemand hört vor seinem Computer sitzend Radio. Ohne ein eigenständiges Gerät für Küche, Garten und Werkstatt wird das Internet-Radio noch nicht mal eine Nische werden. Dann sind da noch die Dateiformate: Das oben genannte Gerät von Asus spielt das patentbelastete Format MP3 und das proprietäre Microsoft-Format WMA ab. Leider nicht das freie Format Vorbis. In Deutschland haben bereits sehr viele freie Radiostationen auf Vorbis umgestellt. Wenn man aber ein multiformatiges Gerät besäße, könnte man komplett auf ein normales Radiogerät verzichten: Sämtliche Stationen senden ihr Programm mittlerweile als Strom im Internet. Ich kann in meiner Küche mit dem normalen Radiogerät beispielsweise den örtlichen Bermudafunk nicht empfangen, obwohl ich wenige Meter vom Sendestudio entfernt wohne. Mit einem Internet-Radio wäre das kein Problem.

Am Beispiel des Internet-Radios lässt sich meines Erachtens ablesen, wie sich die Möglichkeiten der Technik bei genauem Hinsehen aus den verschiedensten Gründen praktisch stark reduzieren. Bei einer massiven Produktion preiswerter Internet-Radiogeräte wären mit diesen kaum noch Gewinne zu erzielen. Außerdem kann mit dem Radiostrom selbst auch kaum Gewinn erzielt werden. Also ist das Ganze uninteressant und fällt unter den Tisch. Das ist für mich die bunte Welt des Konsum-Internets: Wo nicht Unmengen Geld fließen, ist Schluss.

Das Wort mit “I”

9. März 2007

Beitrag Nr. 19

Ich erinnere mich, dass mein älterer Bruder ein Motorrad aus allen möglichen alten Einzelteilen zusammenbaute, die er zum Teil in England besorgt hatte. Viele der Teile stammten noch aus den 1960ern oder 1970ern. Ab und zu musste er feststellen, dass die Gewinde seltsame Größen aufwiesen. Das niederschmetternde Wort “Inchgewinde” ist mir noch in bleibender Erinnerung. Selbst der sonst so gut bestückte Eisenwarenladen um die Ecke musste da passen. So ähnlich geht es nach wie vor bei den Dateiformaten für Textdokumente zu. Immer noch dominiert Microsoft Word mit seinem Format .doc die Welt der Textformate. Das offene Format Open Document Format, kurz ODF, holt jedoch auf. Nun kommt noch ein neues Microsoft-Format für Word 2007 mit der Endung .docx dazu. Wenn ein Makro mit drin ist, lautet die Endung .docm. Das Zauberwort bei all dem neuen Formate-Babel heißt “Interoperabilität”, damit ist das standardisierte, problemlose Zusammenspiel zwischen den Formaten gemeint. So soll alles friedlich miteinander koexistieren, sagen zumindest die Microsoft-Leute. Faktisch lässt sich jedoch immer noch häufig keine passende Mutter zum Gewinde finden.

Der Vorteil des neuen Word-2007-Format ist, dass es komplett standardisiert und offen ist, das heißt jeder kann Zusatzprogramme, also Filter, schreiben, die ein Word-2007-Dokument in ein anderes Format umwandeln. In Microsoft Word selbst arbeitet ein solcher Filter bereits gut. Wie steht es aber beispielsweise mit der Umwandlung eines OpenOffice-Dokuments unter Linux in ein Word-2007-Dokument? Derzeit, scheint mir, nicht so gut.

Am Mittwoch hat das US-Softwareunternehmen Novell, dass auch führend die Linux-Distribution Opensuse fördert, ein Linux-Programm namens “OpenXML Translator” veröffentlicht. Dieses Programm liegt auch als RPM-Datei vor. Das Programm soll für die von Novell erstellten Versionen von OpenOffice — also auch bei Opensuse — funktionieren. Ich habe dies ausprobiert: Ich habe mir die RPM-Datei heruntergeladen und diese mit einem Rechtsklick und “öffnen mit” und “Installieren von Software” in Opensuse 10.2 installiert. Das hat gut geklappt. Tatsächlich war nun auch beim Speichern eines Dokuments in OpenOffice im Menüpunkt “Filter” die Auswahlmöglichkeit “Microsoft Word 2007 Document (.docx)” vorhanden. Es wurde auch ein Dokument erstellt, das diese Dateiendung trug und von OpenOffice auch wieder gelesen werden konnte. Leider hieß es dann unter dem für Word-2007-Dokumente aufgerüsteten Word for Windows 2002 immer wieder “Fehler beim Öffnen der Datei”.

Seit 31. Januar ist das von Microsoft finanzierte und von drei externen Software-Unternehmen entwickelte Zusatzprogramm zum Abspeichern von Dokumenten im Format Open Document Text (.odt) unter Microsoft Word in der Version 1.0 im Internet verfügbar. Dieses Programm hat bei mir unter Word 2002 gut funktioniert. Im November 2006 war die Vorversion noch nicht so ausgereift. Ich habe ein recht komplexes Dokument mit der Version 1.0 abgespeichert: Das Programm hat mich gewarnt, dass die Fußzeile verändert sein könnte. Tatsächlich hatte sich die Seitenzahl von rechts nach links verschoben. Nachdem ich die Seitenzahl manuell korrigiert hatte, sah das Dokument identisch aus. Dieses so genannte ODF-Add-In kann ich empfehlen.

Seit neuestem gibt es auch ein Konvertierprogramm von Sun. Dies funktioniert aber bis jetzt nur für Word 2003. Außerdem muss man sich erst auf der Sun-Website registrieren lassen. Ende April soll die endgültige Version unter dem Namen “Sun ODF Plugin for Microsoft Word” erscheinen.

Die verschiedenen Filter werden sicher noch weiter entwickelt. Aus meiner Sicht spricht das ganze Chaos aber dafür, sich vehement für die Nutzung des standardisierten Open-Document-Formats einzusetzen. Im Grunde genommen ist der ganze Konvertiererbasar unnötig. Er kommt nur deshalb zustande, weil das “Imperium” Microsoft, dessen Gründer Gates diese Woche zum 13. Mal in Folge mit 56 Milliarden US-Dollar Vermögen reichster Mann der Welt wurde, sein Monopol mit Zähnen und Klauen verteidigt. Derzeit klingt für mich “Interoperabilität” eher wie “Inchgewinde”.

Von den Kosten und vom Nutzen

2. März 2007

Beitrag Nr. 18

Sollte ein außerdemokratisches Gremium wie die WIPO ein Damaskuserlebnis gehabt haben und sich vom Saulus zum Paulus gewandelt haben? Die World Intellectual Property Organization, eine Art diplomatische Konferenz und Schiedsgericht im Bereich des “geistigen Eigentums” mit Sitz in Genf, soll zukünftig nicht nur für den weltweiten Schutz des geistigen Eigentums sorgen, sondern auch die Auswirkungen dieses Schutzes auf die ärmeren Länder analysieren. Zudem soll sich die Organisation für eine reichhaltige Auswahl an frei zugänglichen Werken einsetzen. Das entschied am Freitag ein Komitee, das für die Institution eine “entwicklungspolitische Agenda” schaffen soll.

Wie Heise Online berichtet, habe eine Reihe von ärmeren Ländern, angeführt von Argentinien und Brasilien, vor zwei Jahren im Rahmen der Gruppe “Friends of Development” die Diskussion um die entwicklungspolitische Agenda ins Leben gerufen. Nach dem Bericht der WIPO soll nun bei der Verabschiedung neuer Regelungen und Gesetze die unterschiedliche wirtschaftliche Situation von finanziell armen und reichen Ländern mit bedacht werden. Es werde eine Balance zwischen Kosten und Nutzen angestrebt.

Skepsis ist geboten. Das besondere extrademokratische Merkmal der WIPO ist, dass die Organisation auf Anforderung von Regierungen reicher Länder und von Lobbygruppen der großen Rechteinhaber im Bereich des geistigen Eigentums Vorschläge für gesetzliche Regelungen ausarbeitet, die dann in der Substanz unverändert durch die jeweiligen nationalen Parlamente gewinkt werden. Diplomatische Vertreter von Regierungen und so genannte Experten legen im Hinterzimmer in vertrauter Runde den engen Rahmen fest, in dem sich ein Gesetzgebungsverfahren nur noch bewegen wird. Eine tatsächliche öffentliche oder parlamentarische Debatte um wesentliche Fragen wird dadurch verhindert.

Beispielsweise wurde 1996 zwischen den Mitgliedstaaten der WIPO — das sind praktisch alle Staaten der Erde — ein Urheberrechtsvertrag ausgehandelt, der viele Handlungen, unter anderem das Umgehen von Kopiersperren, erstmals zu Straftaten erklärte. Dieser Vertrag wurde in Europa 2001 in einer Richtlinie des Europäischen Rates, also durch die versammelten Justizminister der EU, umgesetzt. 2003 wiederum wurde diese EU-Richtlinie, inhaltlich weitgehend unverändert, in Deutschland in einer Gesetzesnovelle umgesetzt. In anderen Ländern der EU ist dies ebenfalls geschehen.

Ich glaube kaum, dass die WIPO einen Sinneswandel durchlebt, dafür ist ihr Auftrag zu klar umrissen: Sie soll die weltweite Verwertung des geistigen Eigentums der Rechteinhaber aus den reichen Ländern organisieren und garantieren. Ich vermute eher, dass die großen Unternehmen neue Märkte in den ärmeren Ländern erschließen wollen. Allzu strikte Regelungen würden dies verhindern. Wenn jemand umgerechnet 30 Euro im Monat verdient, wird er sich dafür kaum eine Original-DVD aus Hollywood kaufen. Regierungen, Diplomaten und Unternehmen sind häufig mit einer gehörigen Portion Realismus gesegnet und sind kühle Rechner. Das Wort Kosten-Nutzen-Rechnung fällt mir in dem Zusammenhang ein (siehe oben).

Blick zurück im Traum

23. Februar 2007

Beitrag Nr. 17

Der Turing-Award geht dieses Jahr erstmals an eine Frau. Der angesehenste Preis für Computerwissenschaftler, häufig als “Nobelpreis der Informatiker” bezeichnet, geht für das Jahr 2006 an Frances E. Allen. Das teilte am 21. Februar die Association for Computing Machinery in New York mit. Damit schreibt die Preisträgerin Allen Geschichte: nach fünfzig nordamerikanischen und europäischen Männern, die den seit 1966 vergebenen Preis erhalten haben (manchmal teilen sich mehrere Personen die Auszeichnung), also eine Frau.

Frances E. Allen wurde 1932 geboren und wuchs im Norden des US-Bundesstaates New York auf einem Bauernhof auf. Die Anfänge der späteren IBM-Informatikerin wiesen zunächst wenig auf ein Leben im Dienst der Hochtechnologie und der Großkonzerne hin. Zwar wird Allen häufig als Mathematikerin bezeichnet, was an eine Gelehrte mit Zirkel, Rechenpapier und — heute wohl — Taschenrechner denken lässt, tatsächlich begann sie ihre berufliche Laufbahn jedoch nach dem Besuch einer pädagogischen Hochschule als Mathematiklehrerin an einer Provinzschule. Ihr Magisterstudium in Mathematik an der University of Michigan in Ann Arbor nahm sie nur auf, um die volle Zulassung zur Lehrerin zu erhalten.

Ihren Magisterabschluss machte sie allerdings 1957, zu einer Zeit, als überall die Nachkriegsindustrie boomte und die Bäume in den Himmel zu wachsen schienen. Die Computerfirma IBM führte an der Universität eine Werbeveranstaltung durch, und Allen, die durch das Studium hohe Schulden aufgetürmt hatte, trat in das Unternehmen ein. Sie wollte nach eigenen Aussagen nur solange bleiben, bis die Schulden abbezahlt waren; es wurden 45 Jahre daraus.

Frances E. Allen, die in Interviews viel Humor und Charme offenbart, hat den Turing-Award erhalten, weil ihre Arbeit aus den 1950ern und 1960ern die Grundlage für die Entwicklung optimierender Kompilierer und die automatische parallele Programmausführung legte. Die Grundlage dafür bilde ihre 1966 erschienene Abhandlung “Program Optimization”, so der Preisverleiher. Ein Kompilierer ist ein Programm zur Umwandlung menschlicher Programmiersprache aus Wörtern und Ziffern in Maschinensprache aus Einsen und Nullen.

In der öffentlichen Meinung dürfte Frauen allgemein wenig Interesse für Computer und die Wissenschaft rund um den Computer nachgesagt werden. Immer wieder wird in Expertenkreisen gemunkelt, das liege an dem unterschiedlichen Aufbau des Gehirns. Männer dächten organisiert und strukturiert, Frauen dagegen eher emotional und — das ist meist damit gemeint — ziemlich chaotisch. Eigentlich beweist ein Blick in jede x-beliebige studentische Wohngemeinschaft oder in einen durchschnittlichen Büroflur, dass dies kaum so stimmt. Allen erzählt im Übrigen, dass ihr Beitrag vor allem darin bestand, durch kontinuierliches Lernen und Beobachten zu erforschen, inwieweit die vom Kompilierer erstellte Maschinensprache unerwartete Verbesserungen gegenüber der menschlichen Programmiersprache brachte.

Nun, eine Frau hat die weltweit wichtigste Auszeichnung für Informatik erhalten. Ist dies also ein Meilenstein auf dem mittlerweile allseits verfolgten Ziel der “Chancengleichheit” (also das, was früher einmal Gleichberechtigung hieß)? Erobern, wie die illustrierten Nachrichtenmagazine sagen würden, die Frauen jetzt eine Männerdomäne? Anhand der Biografie von Frances E. Allen lässt sich meines Erachtens eher ein historischer Bruch ablesen, der wenig Positives verheißt. Heute dürften gerade Frauen es schwer haben, von der Provinzlehrerin zur gefeierten Wissenschaftlerin aufzusteigen. Dies ist doch eher das wahre Märchen der Vollbeschäftigungszeit. Meine Großmutter brachte es von der Radarhelferin bei der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg über den staatlich subventionierten Besuch einer pädagogischen Hochschule in London bis zur stellvertretenden Schulleiterin. Dabei bekam sie ihr erstes Kind mit 17. Ich glaube nicht, dass sie für die damalige Zeit eine besonders große Ausnahme war.

Es wird heute viel von Chancen geredet. Allen machte ihren Magisterabschluss vor fünfzig Jahren, und der Turing-Award wird in der Regel für das Lebenswerk verliehen. Es wäre interessant zu sehen, ob ab 2057 besonders viele Frauen aus wenig begüterten Verhältnissen in den Reihen der Preisträger zu finden sind. Es wird häufig so dargestellt, als sei die Gleichberechtigung eine Errungenschaft der zeitgenössischen Gesellschaft. Vielleicht ist es aber eher ein Blick zurück im Traum.

Passt, wackelt und hat Luft

16. Februar 2007

Beitrag Nr. 16

Der Drucker eines Computers ist eines der am längsten existierenden Peripheriegeräte: Lange bevor es externe Festplatten, Speichersticks, Lautsprecher oder Modems gab, schob schon ein Nadeldrucker seine Texte auf grün-weiß gestreiftem Endlospapier dem begierigen Autor entgegen. Dann kamen die Tintenstrahldrucker, irgendwann die Laserdrucker und so wird es wohl weiter gehen.

Insoweit verwundert es, dass nach wie vor der Drucker eines der problematischsten Geräte des Computers ist. Mit kaum einem Peripheriegerät dürfte es so viele Probleme geben wie mit dem Drucker. Dies gilt insbesondere für das Betriebssystem Linux. Dort besteht das Problem, dass vielfach keine Treiber für ein bestimmtes Gerät verfügbar sind.

Ich schreibe dies aus der eigenen Erfahrung der vergangenen drei Monate. Gleich mehrfach hatten Freunde und Bekannte von mir Probleme mit billigen Druckern der japanischen Firma Canon. Für viele ihrer Modelle schreibt diese Firma keine Linux-Treiber. Auf einer englischsprachigen Internetseite habe ich gesehen, dass die Firmen Hewlett-Packard und besonders die südkoreanische Firma Samsung sich für ein Zusammenspiel mit Linux stark machen. Samsung liefert bei seinen Druckern sogar die Linux-Treiber auf CD mit. In Südkorea ist Linux sehr stark.

Ich möchte anregen, sofern man Linux nutzt, zuerst den passenden Drucker zum System zu suchen, statt erst den Drucker zu kaufen und dann zu schauen, ob er auch unter Linux funktioniert. Sehr viele Drucker funktionieren ohne Probleme — aber nicht alle. In der Regel findet man im Menü für die manuelle Installation eines Druckers die komplette Liste der vorhandenen Treiber. Man geht ja auch nicht in ein Kleidergeschäft und kauft für einen Freund, der vielleicht 1,60 Meter groß ist, einen Pullover der Größe XXL und erwartet, wenn der Pullover nicht passt, dass dieser sich die notwendigen Pfunde anfrisst.

Schauprozess, Sibirien, Software

9. Februar 2007

Beitrag Nr. 15

In Moskau herrschten diese Woche Temperaturen um minus zehn Grad, doch die Gemüter sind erhitzt. Wie diese Woche bekannt wurde, geht die russische Justiz gegen Alexander Ponosov, den Leiter einer Mittelschule in Sepischewo im Ural vor. Ihm wird vorgeworfen, im Sommer 2005 zwölf Computer gekauft zu haben, auf denen sich illegale Kopien von Microsoft Windows und Office befanden. Michael Gorbatschow hat sich am 9. Februar in einem offenen Brief an Bill Gates gewandt. Darin verweist er darauf, dass die meisten Menschen in Russland den Prozess gegen Ponosov als “einen von Microsoft bestellten Schauprozess” sehen. Gorbatschow erklärt Gates, dass er es für ungerecht halte, wenn ein Lehrer, der sein Leben der Erziehung von Kindern gewidmet hat, und der unvergleichlich viel weniger verdiene als jeder x-beliebige Microsoft-Manager, mit einer sibirischen Gefängnisstrafe bedroht werde. Dem Schulleiter droht im Falle einer Verurteilung eine Höchststrafe von fünf Jahren Gefängnis.

Microsoft rudert bereits, wie man in den Medien sagt, zurück: Der Fall Ponosov sei ein Kriminalfall und werde von der russischen Staatsanwaltschaft initiiert und verfolgt, meinte die PR-Agentur Microsofts in London. Auch wolle Microsoft nicht auf dem in den Medien immer wieder genannten Schadenersatz von rund 8000 Euro bestehen. Bereits letzte Woche hatte Microsoft Russland mitgeteilt, dass sie eine Strafverfolgung angesichts der geringen Zahl von betroffenen Computern nicht für sinnvoll halten. Die Russland-Chefin Olga Dergunova erklärte, in solchen Fällen arbeite Microsoft mit den Schulen zusammen und biete ihnen legale Softwarelizenzen an. Microsoft erklärte am Firmensitz in Redmond im US-Bundesstaat Washington, dass das Unternehmen in den vergangenen sieben Monaten weltweit in fast 850 zivilen Prozessen und über 1700 Strafprozessen die geschädigte Partei war. Man halte sich aber normalerweise an die “großen Fische”.

Nun, die russische Justiz genießt weltweit kaum einen besonders guten Ruf. Und ob der Rektor Ponosov ins Netz geht, bleibt abzuwarten. Gorbatschow verweist in seinem offenen Brief aber auf etwas Wesentliches: Das russische Strafgesetzbuch sehe auch eine Strafe für den vor, der unwissentlich illegal kopierte Software benutzt. Nach der ganzen Aufregung in Russland — sogar Präsident Putin nannte die Anklage “lächerlich” — ist eine Verurteilung Ponosovs unwahrscheinlich. Der Fall dient aber meiner Meinung nach dazu, eines zu unterstreichen: Die Vorstellung, man könne von Unternehmen hergestellte und lizenzierte Software einfach illegal kopieren, weil man ja sowieso nie erwischt werde, ist falsch. Die großen Softwareunternehmen gehen immer rigoroser und konsequenter vor. Für sie ist das illegale Kopieren “Diebstahl” — etwa so, als stehle jemand ihre Autos oder breche in ihre Büros ein. Die bei vielen Menschen verbreitete Einstellung, Freie Software sei doch eher was für Spinner — wenn man was brauche, wisse man schon, wo man die Schwarzkopie der proprietären Software herbekomme, ist gesellschaftlich und juristisch Denkfaul. Der Bereich “geistiges Eigentum” ist längst keine Spielwiese mehr für Kavaliersdelikte.

Genausowenig wie die wenigsten Menschen bereit sind, ihre finanziellen Mittel oder ihre Freiheit bei einem banalen Ladendiebstahl aufs Spiel zu setzen, sollte man auch bei Software auf ein Risiko verzichten. Aus meiner Sicht spricht der Fall Ponosov dafür, auch als Privatperson, kleine Firma oder Bildungsinstitut strikt auf proprietäre Software zu verzichten. Wer weiß denn schon, ob nicht doch irgendetwas daran illegal ist. Es gibt genügend Software unter freien Lizenzen, die ohne Sorgen und Paranoia genutzt werden kann. Dies ist meines Erachtens eine Entscheidung von politischer und gesellschaftlicher Tragweite, keine technische Entscheidung. Faulheit ist hier fehl am Platze.

Vista — eher Langeweile als Begeisterung

2. Februar 2007

Beitrag Nr. 14

Der weltweite Verkaufsstart des Betriebssystems Windows Vista am 30. Januar ist wohl leider das Thema dieser Woche. Ich hatte mir überlegt, das Ereignis zu ignorieren und einen Beitrag über Druckertreiber und Linux zu schreiben, aber… was soll’s: Zwölf Jahre nachdem Windows 95 den Computer den Massen näher gebracht habe, solle nun Vista der Menschheit einen neuen “digitalen Lebensstil” ermöglichen, meinte Microsoft-Gründer Bill Gates auf dem Times Square in New York. Verschiedene digitale Funktionen aus der Welt des Breitband-Internets, vor allem aus dem Bereich Medien und Kommunikation, würden zunehmend in einem Gerät vereinigt — deshalb Vista! Oder doch nicht? Kritiker merken an, dass mittlerweile die meisten Geräte verschiedene Funktionen, vor allem aus dem Bereich Medien und Kommunikation, in sich vereinigen und dass sich digitale Medien mit sämtlichen Betriebssystemen abspielen lassen — es sei denn es handelt sich um mit Geheimcode kodierte, nicht standardisierte, lausige Microsoft-Dateien.

Walt Mossberg, Kolumnist des Wall Street Journal, hatte bereits Mitte Januar einen ausführlichen Test von Windows Vista veröffentlicht. Die ambitioniertesten Pläne für Vista seien im Laufe des langen Entwicklungsprozesses verworfen worden, so Mossberg: “übrig geblieben ist ein tüchtiges, aber größtenteils wenig spannendes Produkt.” Zwar meinte Mossberg, Vista sei das beste Windows aller Zeiten, er wies jedoch auch daraufhin, dass die meisten neuen Funktionen, die in Vista vorhanden sind, bereits 2001 im Apple-Betriebssystem “Mac OS X” eingebaut wurden. Als negativ bewertete Mossberg, dass Vista extrem viel Ressourcen verbraucht — nur ein sehr neuer und sehr leistungsstarker Computer komme da mit. Teilweise laufe Vista auch mit einem guten Computer nur sehr langsam. Das System sei zwar sicherer geworden, aber die kontinuierliche Aktualisierung des umfangreichen Sicherheitssystems koste den Anwender auch viel Zeit und Geld, so Mossberg.

Microsoft würde sich sicher von solch kleinlichen technischen Einwänden wenig beeindruckt zeigen. “To wow someone” bedeutet auf Englisch “jemanden begeistern”: Das Motto der Windows-Einführung “The ‘Wow’ starts now” dürfte ein Hinweis darauf sein, dass Microsoft vor allem auf der Ebene des emotionalen Shopping-Erlebnisses und der Massenhysterie noch Chancen sieht, seine Monopolstellung zu erhalten. Denn letztlich hinkt die von Gates gezogene Parallele zur Einführung von Windows 95 deutlich: Damals ermöglichte Microsoft als erstes Unternehmen einem Massenpublikum den Kauf eines preiswerten Computers mit einfacher grafischer Benutzeroberfläche und einem leicht zu bedienenden Anwendungspaket. Mit einer einzigen CD von Windows oder Office konnten unzählige Computer bestückt werden, was zwar illegal war, aber auch erheblich zur Weiterverbreitung von Microsoft-Produkten beitrug. Windows war vor zwölf Jahren fast ein Symbol für Offenheit, weil das Betriebssystem getrennt vom Rechner verkauft wurde. Die Firma Apple Computer zeigte sich in der Frage der Trennung zwischen Hardware und Software verstockt — und verlor mit seinen zwar qualitativ guten, aber teuren Produkten das Rennen um die neue Computerwelt.

Dass die Welt sich von einem Betriebssystem nun vor allem emotional umwerfen lassen soll, zeigt, dass in technischer Hinsicht für Microsoft das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Es gibt keine Funktion und kein System mehr, das nicht auch woanders — und vor allem häufig kostenlos und/oder besser — zu haben wäre. Einzig die eingefahrenen Verhältnisse halten das System “Microsoft” am Laufen: Dass nämlich mit fast jedem neuen Computer das Betriebssystem Windows zwangsweise mit verkauft wird; dass Computernutzer fast Angst haben, Freie Software und offene Dateiformate zu verwenden, weil sie befürchten nicht mehr im Mainstream zu schwimmen; und dass generell die Einstellung herrscht: “Software muss teuer sein und ist nur was für Spezialisten”. Ich glaube, dass zunehmend mehr Computernutzer auf dieses System keine Lust mehr haben und dass die von Monopolen gemästeten Softwarebarone unruhigen Zeiten entgegen gehen. Wow!