Erwachsen oder bieder werden?

26. Januar 2007

Beitrag Nr. 13

Diese Woche habe ich bei einem Freund, der eine Druckerei in Ludwigshafen am Rhein betreibt, Opensuse 10.2 auf einen Rechner aufgespielt. Das hat gut geklappt. Als Drucker interessiert er sich für die Bildbearbeitung und für das Layout. Ich zeigte ihm kurz die Programme Gimp und Scribus. Ihm fiel sofort auf, dass Gimp 2.2 keine Umwandlung von Bildern im Farbmodus RGB in den Farbmodus CMYK mit einem Klick ermöglicht. Für ihn ist das ein Nachteil, da der Offsetdruck den letztgenannten Farbmodus verwendet.

Es wird nicht mehr lange dauern, bis dieser Mangel beseitigt ist. Die Version 2.4 von Gimp wird diese Funktion wohl enthalten. Derzeit sind die Programmierer des Projekts bei der Entwicklerversion 2.3.14 angekommen. Die Versionen mit den ungeraden Zahlen hinter dem ersten Punkt sind üblicherweise Versionen in der Testphase, die nie zum normalen Einsatz kommen. Sie führen quasi eine Existenz im Verborgenen.

Trotz des rasanten Fortschritts bei Gimp fiel mir dabei wieder auf, dass Freie Software häufig der proprietären Software doch hinterher hinkt. In einem Forum habe ich mal die verhalten-wütende Entgegnung eines Gimp-Programmierers auf den Vorwurf, das Programm unterstütze CMYK nicht, gesehen. Natürlich unterstütze Gimp diesen Farbmodus, schrieb der Entwickler, du musst nur… Dann folgte die übliche lange Liste von Befehlen und Arbeitsschritten, die jeden reinen Anwender sofort abschreckt: “Da hole ich mir doch vom Kumpel die schwarz gebrannte Photoshop-CD für Windows”.

Ein Anwender ohne Programmierkenntnisse, wie ich es einer bin, kann natürlich kaum an die Entwickler solcher Projekte Ansprüche stellen. Diese Menschen stellen dankenswerterweise ihre persönliche Zeit zur Verfügung, um Programme zu entwickeln, von denen Alle profitieren. Und trotzdem frage ich mich manchmal, ob es nicht möglich wäre, die Prioritäten besser zu setzen. Häufig erwecken die Ankündigungen der Projekte den Anschein, hier entstehe das beste, gewaltigste und durchdachteste Programm — allerdings “demnächst”, wenn das-und-das noch gemacht ist. Bis dahin gibt es da-und-da Probleme und geht das-und-das nicht.

Ich frage mich, ob es nicht möglich ist, ein stabiles und nutzbares Programm zu schaffen, das die Kernfunktionen alle perfekt erfüllt und ganz leicht zu bedienen ist. “Hinter den Kulissen” könnten ja dann alle möglichen tollen Zusatzfunktionen programmiert und nach und nach funktionsbereit eingebaut werden. Eine Stärke der Freien Software ist natürlich der riesige Pool aus freiwilligen Testern. Aber irgendwie denke ich, es wäre auch gut, wenn Programme eine rein auf Anwender zugeschnittene Version hätten: Da sind die Kernfunktionen drin, und die funktionieren alle gut. Ich würde das vielleicht mit “erwachsen werden” umschreiben. Vielleicht täusche ich mich und so funktioniert das Modell “Freie Software” einfach nicht. Vielleicht würde Freie Software damit nur “bieder” werden.

Räuber und Gendarm — und Piraten

19. Januar 2007

Beitrag Nr. 12

“Internet-Piraterie war noch nie ein Kavaliersdelikt. Aufklärung tut daher Not und darum unterstütze ich auch die Arbeit der CopyPolice. Die Initiative ist ein wichtiger Teil eines Netzwerks, welches durch Aufklärung das fehlende Unrechtbewusstsein bekämpft. Durch Piraterie entsteht nicht nur ein großer materieller Schaden, sondern es werden Arbeitsplätze vernichtet…”, meint zumindest Rainer Heumann, Beiratssprecher World of Video, auf der Website Copypolice.de. Kennt man den? Ich auch nicht. Ich übernehme dieses Zitat nur, um zu einem recht peinlichen Vorfall der selbst ernannten Kopierpolizisten überzuleiten.

Der Informationsdienst Heise.de berichtet diese Woche in eigener Sache über das Projekt CopyPolice, das nach eigenen Angaben Internetnutzer mit Informationen für die Urheberrechtsproblematik sensibilisieren wolle. Gefördert wird das Projekt unter anderem von Verbänden der Filmindustrie und von Prominenten. Etwas genüsslich stellt Heise.de fest, dass die Kopierpolizisten es offensichtlich selbst mit dem Urheberrecht nicht so genau nähmen: “Im News- und Forenbereich der Site haben Moderatoren mehrfach komplette Meldungen von heise online und aus anderen Nachrichtenquellen eingestellt — teilweise sogar ohne Nennung der Urheber.” Den Hinweis eines Nutzers auf die eindeutigen Verstöße gegen das Urheberrecht habe ein Moderator im Forum zur Kenntnis genommen, aber ansonsten ignoriert.

Der Heise Zeitschriften Verlag habe den Betreiber der Site schriftlich aufgefordert, die widerrechtlich eingestellten Beiträge zu entfernen, so Heise.de weiter. Und tatsächlich: Die Bereiche “News” und “Forum” auf der Website des Projekts sind mittlerweile komplett leer.

Die genannte Website will im Wesentlichen gegen die so genannte “Filmpiraterie” vorgehen, also gegen illegal aus dem Internet heruntergeladene Filme und illegal gebrannte DVDs. Insgesamt scheint der Begriff Piraterie im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen rund um das Urheberrecht in der digitalen Welt absolut richtig gewählt: In Piratenerzählungen und -filmen halten die Piraten ja auch zusammen, bis sie das von ihnen als Opfer auserkorene Schiff geentert und in ihre Gewalt gebracht haben. Danach zerstreiten sie sich, und der stärkste Pirat mit der größten Gefolgschaft schmeißt die Konkurrenten über Bord in die Südsee.

So haben ja auch die großen Suchmaschinenbetreiber wie Google immer wieder Ärger mit dem Urheberrecht, zuletzt, als sie die Internet-Nachrichten von Zeitungsverlagen einfach für einen eigenen Nachrichtendienst zusammenschalten wollten. Mit dem eingangs erwähnten “Unrechtsbewusstsein” ist es insgesamt nicht weit her: Da Werke in der digitalen Welt ganz einfach und praktisch kostenlos kopiert werden können, ist der ganze Bereich höchst schwammig geworden. Im Grunde genommen haben auch hier die Kopierpolizisten ihren Namen richtig gewählt: Wenn die Rechteverwerter wirklich haarklein ihre Rechte durchsetzen wollen, müssen sie so etwas wie einen Polizeistaat im Internet schaffen.

Zehntausend Davide gegen ein paar Goliathe

12. Januar 2007

Beitrag Nr. 11

In großen Schritten möchte sich die Europäische Union zum “wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt” bis 2010 entwickeln. Nun ja. In dem Zusammenhang hat sie eine Studie über die wirtschaftlichen Auswirkungen quelloffener Software in Auftrag gegeben, die jetzt vorgestellt wurde. Deren Ergebnisse sind allerdings interessant.

Zwei Drittel aller Freien und quelloffenen Software wird der Studie zufolge immer noch von einzelnen Personen, nicht von Unternehmen, entwickelt. Würde man heute die gesamte existierende hochqualitative quelloffene Software von Unternehmen entwickeln lassen, würde das rund 12 Milliarden Euro kosten. Um den Bestand an quelloffener Software in einem Jahr zu entwickeln, müssten über 130.000 Programmierer ein Jahr in Vollzeit arbeiten. Die Studie errechnete außerdem, dass pro Jahr in Europa durch die meist unbezahlte Entwicklungstätigkeit der Hacker fast 400 Millionen Euro der Wirtschaft beim Umsatz verloren gehen — und dadurch natürlich auch der entsprechende Anteil in der Steuerkasse.

Die Studie äußert sich auch zur proprietären Softwareentwicklung: Weit unter 10 Prozent der in den Vereinigten Staaten tätigen Programmierer arbeiteten für Softwareunternehmen, die ausschließlich proprietäre Software herstellten und vermarkteten. über 70 Prozent arbeiteten dagegen bei Firmen, die mit Software arbeiteten, um damit ein anderes Produkt herzustellen oder eine andere Dienstleistung bereitzustellen.

Die Studie ist von der EU in Auftrag gegeben und beschäftigt sich deshalb, naturgemäß, mit den wirtschaftlichen Wachstumschancen im Bereich Software. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit zeigen aber auch etwas anderes: Es ist möglich, neben einem auf Geld gründenden Monopolmarkt auch ein funktionierendes System des Tausches zu etablieren. Einige wenige zehntausend Menschen weltweit können in der Softwareentwicklung ein System etablieren, das den fast schon übermächtig erscheinenden Monopol-Unternehmen die Stirn bieten kann und eher auf Gegenseitigkeit basiert. Die Trennung zwischen den zwei Systemen bröckelt mittlerweile, was die Studie auch fordert. Auch lässt sich ein solches Tauschsystem natürlich nicht so leicht auf den Tausch mit materiellen Gütern ausdehnen. Ausgetauscht werden bei Freier Software ja nur digitale Daten.

Irgendwie ist es aber auch schade, dass die alte Welt der langhaarigen Hacker zu Ende geht. Zunehmend wird aber klar, dass gerade in der Europäischen Union die Leute an den Schaltstellen der Macht keine Lust mehr auf Microsofts Monopol und Software mit Geheimquellcode haben. Wenn Silicon Valley sich den größten Teil des Kuchens abschneidet, bleibt ja für die EU auch nichts mehr übrig. Nicht umsonst erwähnt die EU-Studie, dass die meisten Entwickler Freier Software in den USA an der Ostküste leben.

Wird nach der vollständigen Integration Freier Software in den Markt noch etwas von dem Hauch des rebellischen Underdogs bleiben? Vielleicht wird es die Erkenntnis sein, dass selbst unerschütterlich erscheinende Zustände letzten Endes auf tönernen Füßen stehen. Wenn sich genügend Leute zusammentun und ein nach anderen Prinzipien aufgebautes System etablieren und dabei gut sind, gelten plötzlich andere Spielregeln. In Zeiten, die eher von Stagnation geprägt sind, eine zumindest hoffnungsvolle Einsicht.

Hier ist die vollständige 287-seitige Studie in englischer Sprache erhältlich.

Kreative Einheitsfront

5. Januar 2007

Beitrag Nr. 10

Am 30. Dezember ging der 23. Chaos Communication Congress in Berlin zu Ende. Dieser vom Chaos Computer Club jährlich organisierte Kongress ist ein mehrtägiges Treffen der internationalen Hackerszene zu technischen und gesellschaftspolitischen Themen. Eines der auf der Veranstaltung behandelten gesellschaftlichen Themen scheint mir erwähnenswert. Am letzten Tag hielt Lawrence Lessig, der Gründer der Bewegung “Creative Commons”, eine Rede, in der er aufrief, im “Krieg” um die freie und kreative Verwendung digitaler Technik eine gemeinsame Frontlinie aufrecht zu erhalten. Ein vereintes Vorgehen sei die einzige Möglichkeit, die Kontrollmentalität des 20. Jahrhunderts rund um schöpferische Werke zu beenden. Diese Schlacht müsse innerhalb der nächsten fünf Jahre gewonnen werden, so der Rechtsprofessor an der kalifornischen Universität Stanford. Andernfalls drohe der Rückfall in eine “Read-only”-Gesellschaft, in der nur die großen Film- und Musikunternehmen Inhalte produzierten und die Mediennutzer zum Konsumieren verdammt seien.

Inhalte in maschinenlesbarer Form, also beispielsweise MP3-Dateien oder digitale Fotos, sollten mit klaren Nutzungsrechten markiert werden, so Lessig. Dazu könnten die Lizenzen der Stiftung “Creative Commons” (CC) dienen. Laut Lessig entstünde so eine “Infrastruktur für eine freie Kultur” und eine Alternative zu den Verwertungsmonopolen der Unterhaltungsindustrie. Es werde dadurch ein großer Pool an Medieninhalten geschaffen, die beispielsweise für nicht-kommerzielle Zwecke zum Herunterladen aus dem Internet und zum Verändern und anderswo Verwenden freigegeben seien.

Lessig kündigte außerdem an, dass die Nutzung von CC-Metadaten, also die in einer Datei enthaltenen Daten über die Datei, vereinfacht werden solle. Dadurch könne die auf der “kreativen Allmende” aufsetzende Tauschökonomie besser mit der traditionellen Wirtschaft vernetzt werden. Interessiere sich beispielsweise ein Unternehmen für die kommerzielle Verwendung eines Songs mit einer CC-Lizenz, die nur den privaten Gebrauch erlaubt, könne die Firma sich rasch zu einer Art Marktplatz für den Erwerb der benötigten Rechte durchklicken. Neue und traditionelle Lizenzformen könnten so miteinander verbunden werden. Eine einträglichere Nutzung von Kreativität sei im Internet möglich. Lessig wehrte sich in dem Zusammenhang gegen die von der Free Software Foundation erhobenen Vorwürfe des “Ausverkaufs” seiner Ideale.

Die Frage der Vergütung von kreativen Werken ist tatsächlich heikel. Viele Menschen werden das System der Filmstudios, Plattenlabel und globalen Megaverlage nicht besonders gut finden. Aber dennoch lässt sich eine bestimmte schöpferische Tätigkeit nicht ohne Geld ausführen. Schreibt jemand beispielsweise ein Jahr an einem Buch, so muss er in diesem Jahr von etwas leben. Wenn diese Arbeit nicht irgendwie vergütet würde — und sei es im Nachhinein durch den Verkauf des Buches –, könnten nur Millionärserben Bücher schreiben. Eine Lösung wäre meines Erachtens eine Art verstärktes Mäzenatentum. Ein Autor oder Filmregisseur könnte beispielsweise schlicht in der Zeit, die sie oder er braucht, um etwas zu erstellen, Geld von einer Organisation oder einer Interessengruppe bekommen. Das Produkt könnte dann später gemeinfrei sein.

Dass die neuen und alten Lizenzformen zusammenwachsen, ist für mich genauso klar, wie dass Linux und Microsoft zusammenwachsen werden. Ich finde “Creative Commons” und Linux nach wie vor besser. Aber der Marktplatz “Internet” bleibt ein Marktplatz — und nicht alles eignet sich dazu, auf den Markt geworfen zu werden. Das Leben ist nicht nur ein Markt. Manchmal ist es einfach nur Leben. Kunst würde sicher auch davon profitieren, wenn sie nicht nur als Markt gesehen würde — und diese Gefahr besteht bei den Diskussionen rund um “kreative Allmenden” und neue Lizenzformen.

Keine Nischen mehr

29. Dezember 2006

Beitrag Nr. 9

Wenn es um den Schutz “geistigen Eigentums” geht, beispielsweise um die Bekämpfung illegaler Kopien von Software und aufgezeichneter Musik, ärgern sich die EU, Japan und die USA schon lange über Russland und China schwarz. Diese Länder gelten als rechtsfreie Eldorados für so genannte Raubkopierer. Ich vermute, wenn Manager von Software- oder Musikunternehmen Alpträume haben, dann gehen sie in diesen Träumen stundenlang durch die “Fake-Märkte” Chinas und werden am Ende von einer Lawine illegal kopierter Silberscheiben erschlagen.

Es scheint aber, dass die Welt sich doch ändert: Diese Woche meldet Heise.de unter Berufung auf das China Internet Information Center, dass die chinesische Regierung die Herstellung und Verbreitung illegaler Software-Kopien stärker bekämpfen will. Illegal kopierte Programme sollen ein Viertel des gesamten chinesischen Software-Handelsvolumens ausmachen. Wenn das in US-Dollar gemeint ist, wird wohl die allermeiste Software illegal sein, da sie ja viel billiger ist als die legale. Der stellvertretende Minister des chinesischen Ministeriums für die Informationsindustrie, Lou Qinjian, wird mit den Worten zitiert, dass der Umsatz des chinesischen Software-Marktes jährlich um rund 30 Prozent steigen werde und im Jahr 2010 einen Umfang von umgerechnet 100 Milliarden Euro erreichen werde.

Bereits letzte Woche wurde bekannt, dass Russland seine Gesetze im Bereich des “geistigen Eigentums” ändern will, um seinen Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO nicht zu gefährden. US-amerikanische Plattenlabel verklagten in der vergangenen Woche in New York den Betreiber der berüchtigten russischen Musikwebsite AllofMP3.com. Diese Website verkauft die MP3-Dateien eines ganzen US-Musikalbums für rund einen Euro. Nach russischen Gesetzen benötigten solche Geschäfte in manchen Fällen keine ausdrückliche Einwilligung der Copyrightinhaber. Abgaben werden aber an die russische Verwertungsgesellschaft ROMS gezahlt. Die Musikkonzerne aus den USA und der EU rufen dieses Geld nicht ab, weil sie sonst dadurch die Praxis der Website legalisieren würden. Die Gesetzeslage soll sich 2007 ändern, hat nun die russische Regierung in einem bilateralen Abkommen mit den USA versprochen.

Man könnte natürlich nun anzweifeln, ob Russland und China es wirklich ernst meinen. Schließlich müssen diese Länder im Falle von Lizenzabgaben umgerechnet sehr hohe Summen für Produkte bezahlen, die völlig immateriell sind und die sie durch Kopieren ja selbst herstellen können. Russland und China werden meiner Meinung nach jedoch darauf spekulieren, dass sie selbst einmal in großem Stil in den Markt der lizenzierten Produkte einsteigen. Letztlich gibt es keinen Grund, warum Chinesen und Russen nicht auch selbst Software und Musik produzieren können, die sich in ihren eigenen Ländern oder anderswo verkauft. Dann hätten die Regierungen und die Wirtschaft dieser Länder natürlich ein Interesse daran, dass der gesetzliche Schutz überall so gut funktioniert wie in der EU oder in den USA.

Wer darauf hofft, dass unter Duldung bestimmter Regierungen in anderen Teilen der Welt ein anderes urheberrechtliches System entsteht und eine Art “Systemkonfrontation” wie im Kalten Krieg entsteht, wird wohl enttäuscht werden. Das globale System des “geistigen Eigentums” wird in Zukunft wohl recht einheitlich funktionieren — echte Globalisierung eben. Schließlich will jedes Land einen Teil von diesem mittlerweile höchst lukrativen Kuchen.

Die Wurzel allen Übels

22. Dezember 2006

Beitrag Nr. 8

Das Plattenlabel Sony BMG hat sich nach Einigungen in New York und Kalifornien diese Woche auch in den meisten anderen Bundesstaaten der USA vor Gericht über Entschädigungszahlungen im Gefolge der “Rootkit”-Affäre geeinigt. Dabei geht es um die 2005 in Musik-CDs des Unternehmens enthaltenen Kopiersperrprogramme, die sich wie Viren benahmen und Windows-Computer unsicher machten. Die ganze Affäre, die in den USA nun zu Ende geht, ist eine spannende Sache und zeigt, was die Verwertungsindustrie von ihren geliebten Kunden denkt.

Der Sicherheitsexperte Mark Russinovich von der Firma Sysinternals hatte im Oktober 2005 aufgedeckt, dass Sony BMG kopiergesperrten Musik-CDs Software beigefügt hatte, die sich ohne Wissen des Computerbesitzers unter Windows installierte und zu großen Sicherheitsproblemen führen konnte. Die Software funktionierte wie ein “Rootkit”, was ein virenartiges Programm ist. Die Software installierte sich ohne Wissen des Nutzers und war nicht in der Software-Liste der Systemsteuerung zu finden. Sie ließ sich auch nicht deinstallieren. Zudem versteckte sie die zu ihr gehörigen Dateien, Verzeichnisse und Prozesse vor dem Computerbesitzer. Russinovich entdeckte die Software rein zufällig beim Testen einer neuen Version seines Programms für das Aufspüren von Rootkits.

Sony BMG, ein aus der Fusion eines japanischen und deutschen Plattenlabels hervorgegangenes New Yorker Unternehmen, hatte zunächst die Kritiker beschwichtigt und Softwareprogramme zum Entfernen des Rootkits zur Verfügung gestellt. Die Kritik — und die Berichte über erhebliche Sicherheitsrisiken — rissen jedoch nicht ab. Unter anderem kündigte Microsoft an, seine Sicherheitssoftware so zu programmieren, dass die Kopiersperrsoftware entfernt würde. Nicht gerade ein Vertrauensbeweis für Sony BMG. Nach nur rund zwei Wochen gab das Plattenlabel auf, rief noch nicht verkaufte Musikscheiben zurück und bot Käufern der CDs einen Umtausch an.

Der Europa- und Deutschland-Chef des Unternehmens, Maarten Steinkamp, meinte Ende November 2005, Sony BMG habe sich zwar “sehr blamiert”, aber der Ansatz, “die freie Verfügbarkeit unserer Musik auf irgendeine Art und Weise regulieren zu wollen”, sei richtig gewesen. Von Einsehen keine Spur.

Man sieht an dieser ganzen Affäre, welche Vorstellungen im Bereich des “geistigen Eigentums” tätige Unternehmen haben: Um ihr Eigentum zu schützen, sind sie ohne weiteres bereit, das Eigentum der Anderen zu gefährden. Mir erscheint es deshalb auch so wichtig, das ganze System aus proprietären Lizenzen, Kopiersperren und Rechtekontrollmanagement — legal — zu umgehen, weil die Leute, die diese Dinge einsetzen, in ihrer Angst vor “Dieben” keinerlei Grenzen kennen. Dieses System sollte man nicht unterstützen.

Selbstbestimmung statt Monopol!

15. Dezember 2006

Beitrag Nr. 7

In Frankreich herrscht ein insgesamt kritischeres Verhältnis zu den proprietären und monopolartig organisierten Softwareunternehmen. Zumindest ist das in den öffentlichen Meinungsäußerungen der Politiker und der verschiedenen Verbände so. Diese Woche forderte nach einer Meldung auf Heise.de die französische Verbraucherschutzorganisation UFC-Que Choisir, dass große Computerkonzerne und Elektronikhändler Computer ohne vorinstallierte Software anbieten. Die Lizenzen für vorinstallierte Software machten nämlich zehn bis zwanzig Prozent des Verkaufspreises für einen Rechner aus.

Einerseits haben die Verbraucherschützer den Nagel auf den Kopf getroffen, andererseits frage ich mich, warum diese Forderung so selten aufgestellt wird. Die meisten Menschen denken sicher “Windows ist ja eh bei jedem neuen Computer dabei” — quasi geschenkt. Das ist aber falsch. Der Computerhersteller zahlt für die Lizenz zwischen fast 100 und 200 Euro. Kosten, die er natürlich an den Käufer weitergibt. Neben den entstehenden Kosten wird dadurch ein für die Nutzer recht lästiges Monopol zementiert.

Ein Linux-Betriebssystem mit allen von einem normalen Privatanwender benötigten Programmen lässt sich heute selbst von jemand mit geringen Computerkenntnissen innerhalb von 1-2 Stunden kostenlos auf dem Computer aufspielen. Die Computerkonzerne könnten ja jedem Computer die Installationsmedien für große Linux-Distributionen wie Opensuse oder Ubuntu beilegen — diese sind nämlich im Unterschied zu Windows kostenlos.

Gebremst wird die Entwicklung hin zum Tabula-Rasa-Computer wahrscheinlich durch die mangelnden Kenntnisse der meisten Menschen über Linux. Zumeist herrscht die Meinung, “das ist ja nur was für Computer-Freaks” und “dann kann ich ja meine Microsoft-Word-Texte gar nicht mehr verwenden”. Beides ist falsch. Einige Aufklärung muss sicher noch geleistet werden, bis irrationale Ängste einem selbstbestimmten Umgang mit digitalen Techniken weichen.

Eine Veränderung wird hier wohl am ehesten über die Schulen zu bewirken sein. Schüler, die sämtliche Betriebssysteme, also Windows, Apple, BSD oder Linux, kennen, werden sich wahrscheinlich eher selbstbestimmt beim Erwerb eines Computers entscheiden. Die heutige Landschaft erinnert dagegen eher an den früheren Ostblock. Da gab es vielfach auch nur ein Standardmodell, welches den Menschen vorgesetzt wurde. Friss oder stirb.

Schwachsinn und Grenzen von DRM

8. Dezember 2006

Beitrag Nr. 6

Die gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland zum digitalen Rechtekontrollmanagement, kurz DRM, sind von einem gewissen Paradox geprägt: Einerseits ist das technische “Knacken” einer Kopiersperre verboten, andererseits hat der Nutzer eines legal erworbenen Musikstücks oder eines Films nach wie vor das Recht, eine Privatkopie dieses Werks für den eigenen Gebrauch herzustellen. Auf den ersten Blick scheint es unmöglich, dieses Paradox aufzulösen, also legal von einem kopiergesperrten Musikstück eine Privatkopie herzustellen.

Es geht aber doch. Denn nur die direkte technische Umgehung einer Kopiersperre, sie also digital zu “knacken”, ist gesetzlich verboten. Ein abgespieltes Musikstück oder einen Film für sich als Privatkopie aufzuzeichnen, ist erlaubt. Ich erinnere mich in dem Zusammenhang, dass mein Bruder und ich in den 80er-Jahren als Kinder noch kein Gerät zum Überspielen von Platte auf Kassette besaßen. Also stellten wir den kleinen Kassettenrecorder ins Stereodreieck zwischen die zwei Lautsprecher des Plattenspielers. Mucksmäuschenstill erstellten wir so, damals schon völlig gesetzestreu, eine Privatkopie der Platte für unsere Kassettenrecorder. Ob wir das Urheberrecht des Künstlers dadurch verletzten, dass sein Werk durch ungewolltes Hinzufügen der Geräusche vorbeifahrender Autos verändert wurde, weiß ich nicht…

Ähnlich funktioniert ein Softwareprogramm, dass diese Woche vorgestellt wurde. Die Anwendung Tunebite der Firma RapidSolution Software AG aus Karlsruhe ist eine Kopiersoftware für Audio- und Videodateien. Das Programm spielt mit einem digitalen Rechtemanagement versehene Musikstücke oder Filme ab und zeichnet sie gleichzeitig im Computer wieder neu auf. Das ganze funktioniert also wie im oben beschriebenen Beispiel mit dem Kassettenrecorder und dem Plattenspieler, nur dass die Qualität wesentlich besser sein dürfte… Das hatte ich zu erwähnen vergessen: Wirklich anhören konnte man die damals so erstellten Kassetten nämlich nicht. Sie klangen ziemlich dumpf.

Es wird sicher noch andere Software geben, die auf diese Weise Privatkopien erstellen kann. Es ist also durchaus möglich, mit DRM versehene proprietäre Dateien in freie Formate wie Ogg-Vorbis, MP3 oder WAV ohne Kopiersperre umzuwandeln. Mit einem Preis zwischen 20 und 37 Euro finde ich Tunebite nicht allzu teuer. Gibt es ein solches Programm aus dem Bereich Freie Software? Ich weiß es nicht. Das wäre aber ganz gut.

Das Dickicht einer Kulturflatrate

1. Dezember 2006

Beitrag Nr. 5

So sehr ich die Bemühungen um eine so genannte “Kulturflatrate” beispielsweise durch die Initiative “Fairsharing”, lobenswert finde, so sehr graut es mir jedoch bei der Vorstellung, wie dadurch eine Art bürokratische Geldmaschine für große Plattenfirmen entstehen könnte.

Mit Kulturflatrate meint man eine pauschale Abgeltung von Nutzungsentgelten für Musik durch eine Pauschalabgabe auf einen Internetanschluss oder auf Geräte. Um dies nochmal auf Deutsch zu formulieren: Jeder zahlt zehn, zwanzig oder fünfzig Euro mehr für einen CD-Spieler, einen Computer oder seinen Internetanschluss, dafür erhält jeder das Recht, unbegrenzt Musik aus dem Internet legal herunterzuladen. Die Plattenfirmen erleiden zunächst durch das kostenlose Herunterladen einen Verlust, dieser wird ihnen durch eine Umlage der eingesammelten Internetanschluss- oder Geräteabgaben mithilfe einer so genannten Verwertungsgesellschaft ersetzt, die zunächst die Gelder einsammelt.

Dabei geht es nicht nur um die Konsumenten, sondern auch um die Produzenten. Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia schreibt unter dem Eintrag “Kulturflatrate”: “Die Summe aller Beträge aus der Pauschalabgabe wird dann gerecht an die Künstler verteilt. Grundlage der Verteilung ist dabei, wie oft das jeweilige Werk genutzt wird. Dies könnte näherungsweise über Downloadzahlen oder die Beobachtung einer Stichprobe der Bevölkerung erfasst werden. Es wird erwartet, dass durch diese einfachere und detailliertere Erfassung eine, im Vergleich zur aktuellen Datenerhebung durch die Gema, exaktere und damit gerechtere Verteilung ermöglicht wird.” Die Gema ist die Verwertungsgesellschaft im Bereich Musik.

Nun, ich bin kein Musiker, deshalb werde ich auch nie aus diesem System Geld sehen. Allerdings habe ich mal vor Jahren ein Buch übersetzt. Für Übersetzungen ist die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) mit Sitz in München zuständig. Als Übersetzer erhalte ich aus den pauschalen Geräteabgaben, beispielsweise auf Kopiermaschinen, nach Meldung des übersetzten Buches einen bestimmten Betrag. Ich erfuhr per Zufall aus einem Telefongespräch mit der VG Wort, dass übersetzte Bücher nur mit dem halben Satz berechnet werden, falls das Buch nicht in fünf an das Fernleihsystem angeschlossenen Bibliotheken steht. Da die meisten Bücher im Spätherbst erscheinen, ist die Chance, dass diese fünf Bibliotheken bis 31. Dezember erreicht werden, nicht groß.

Bücher können aber auch später gemeldet werden. Ich schrieb der VG Wort, warum sie über diese, doch immerhin die Hälfte des auszahlbaren Betrages betreffende Information, nicht offensiv informiert, beispielsweise auf dem Meldeformular. Zumindest könnte sie auf der Abrechnung, die dem jährlichen Scheck beiliegt, anmerken, dass nur der halbe Satz berechnet wurde und die rechtliche Grundlage dafür angeben. So könnten sich selbst unkundige Einzelautoren oder -übersetzer kundig machen. Es ist nämlich möglich, die verbleibenden 50 % innerhalb von drei Jahren nachzufordern. Große Firmen haben damit keine Probleme, die haben auch große Rechtsabteilungen.

Als Antwort erhielt ich diese Woche darauf, dass die Website der VG Wort bereits jetzt als zu umfangreich und unübersichtlich angesehen werde. Sie werde deshalb gekürzt, Informationen würden wegfallen. Die VG Wort sei “auch nicht in der Lage, auf dem Scheck zu informieren” (wovon nie die Rede war). Da es zu teuer sei (in Zeiten elektronischer Datenverarbeitung!) hätten die Gremien der VG Wort “in den vergangenen fünfzehn Jahren mehrfach eine detaillierte Auskunft über die Ausschüttung abgelehnt”.

Die VG Wort ist nur eine Verwertungsgesellschaft, die auch nichts mit Musik zu tun hat. Ich weiß auch nicht wie die Gema ihre Daten erhebt. Ob aber solche bürokratischen Kraken wirklich an einer “gerechteren Verteilung” interessiert sind? Ich bezweifle es. Wer wirklich an einer für wenig verdienende Musiker guten Lösung interessiert ist, sollte diese direkt und unmittelbar unterstützen. Neue Lizenz- und Vertriebsmodelle existieren. Das große Geld aus einer Pauschalabgabe wird auch bei den Großen landen.

Wann überspringt die Freie Software den Graben?

24. November 2006

Beitrag Nr. 4

Am vergangenen Samstag habe ich auf einer kleinen Buchmesse in Nürnberg einen Vortrag über Freie Software gehalten. Ich hatte eigentlich mit missionarischem Eifer auf lauter uninformierte Menschen gehofft, die ich von der Notwendigkeit, das Leben auch im Bereich der digitalen Techniken in die eigene Hand zu nehmen, hätte überzeugen können. Keine Chance!

Zum Vortrag waren größtenteils gut informierte Leute gekommen, die Opensuse für “eher kommerzielle Software” und “Debian als einfach zu bedienen und eigentlich relativ demokratisch” hielten. Wahrscheinlich haben sie recht, und ich will gar nicht darüber streiten. Was mir allerdings dabei aufgefallen ist, dass nach wie vor über weite Strecken Linux und Freie Software eine Nische für Freaks oder Unternehmen ist. Für viele Menschen, die digitale Techniken eher privat oder zuhause nutzen, ist Linux und Freie Software etwas, was ab und zu im Fernsehen und Internet in gut gemeinten Nachrichtenbeiträgen an ihnen vorbeirauscht. Eine Information etwa so wichtig, wie ob die Sozialisten oder die Konservativen die niederländische Parlamentswahl gewonnen haben.

Mein Vater, der in wenigen Wochen in Pension geht, hatte diese Woche Probleme mit der Installation eines Druckers unter der Linux-Distribution Opensuse. Nachdem er dies seinen Kollegen eines Landgerichtes erzählt hatte, fragte einer: “Ach, arbeiten Sie noch mit einem dieser alten Systeme?” Der gute Mann dachte offensichtlich Linux oder Opensuse ist so etwas wie Commodore 64 oder Atari aus den achtziger Jahren!